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Zur Geschichte und Litteratur : aus den Schäzen der Herzoglichen Bibliothek zu Wolfenbüttel / von Gotthold Ephraim Lessing
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,,nc Knochen und Kieselsteine verdauen können? wer nenntunsre Augen und Gesicht, oder unsre Ohren uud Gehör,darum verdorben, weil wir keine Mücke an der Spitzedes Thurms sehen, noch was in Rom gesprochen wird,hören können? Eine jede Kraft ist von Natur gesundund unverdorben, wenn sie nach ihren eingepflanzte»Regeln dasjenige leisten kann, was sie eigentlich wirke»soll; und die Vernunft, welche des Menschen Wesenvon andern Thierarten unterscheidet, hat selbst bey denersten Menschen keine mehrere Starke gehabt, als siejetzt bey den Nachkommen hat, wie wir kurz vorher ge-,,sehen haben. Daher scheint sie mit eben den wescntli-chen Schranken, und Maaß der Kraft, welche ihr jetztzukommen, vom Anfange und unmittelbar aus derHand des Schöpfers gekommen zu seyn; und wir tha-ten eben so unrecht, wenn wir derselben, mit der FortsPflanzung, einen Abgang und eine Schwache beymessenwollten, als wenn einige sich träumen lassen, daß die,,ganze Natur, mit so vielen Jahrhunderten , alt und un-vcrmögend geworden sey. W.?s hat denn doch die ein-zigc Vernunft bey den Herren Tbeologis verschuldet,daß sie bey Adams Nachkommen von Natur verdorbensey" soll?

§. 8»Man kann ja wohl eine Kraft nicht besser be-urtheilen, als nach den Regeln, wodurch sie von Naturbestimmt ist. Sind denn etwa die Regeln, welche dieVernunft wesentlich bestimmen, falsch und unrichtig?Ich meyne, man werde die Grundregeln der Vernunftvöllig mit den beyden Sätzen ausdrücken können: Einjedes Ding ist das, was es ist: ein Ding kann nicht

T 5 ».zugleich