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Zur Geschichte und Litteratur : aus den Schäzen der Herzoglichen Bibliothek zu Wolfenbüttel / von Gotthold Ephraim Lessing
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5,Grund, daß wir deßwegen auch nothwendig natürlichunverständigen Verstand und böses wollenden Willenhaben müßten? Die Natur vollkommen zu machen,oder wieder in Vollkommenheit zu setzen, wann es nö-thig ist, kann Gottes Vollkommenheit nicht zuwiderseyn, es mag den leib oder die Seele betreffen. Mangestehet ja doch, daß Gott die verdorbene Natur derMenschen will wieder vollkommen haben: warum dannnicht durch den kürzesten Weg, auf eine natürliche Weise ?Es ist also was ungereimtes, und mit der WeisheitGottes streitendes, wenn er den Menschen ein mehrersErkenntniß hätte nöthig zu seyn erachtet, als sie jetztnatürlich haben können, und doch natürlich gehabt ha-ben ; daß er solches durch beständige Wunder in einerunmittelbaren Offenbarung aller Orten und zu allenZeiten bey allen und jeden übernatürlich hatte verrichtenwollen.

§§.Noch ungereimter aber ist es, wenn man fttzete,daß die Offenbarung nur etlichen Personen bey jedemVolke , zu allen Zeiten, oder zu gewissen Zeiten, wider-führe, bannt es die andern Menschen von ihnen hörenund glauben sollten. Denn einmal ist doch hier auchder Zweck, daß alle und jede Menschen das Erkenntnißbekommen sollen; und also ist hier eine ahnliche Unge-reimtheit, daß solches nicht durch die Natur, sonderndurch hausige Wunder geschieht. Aber darinn ist hierdie Ungereimtheit noch größer, daß alsdenn die Wun«der den Zweck nicht einmal erhielten. Denn wenn einjeder Mensch bey sich eine unmittelbare Offenbarung hat,x,und sie führet ein untrüglich Kennzeichen mit sich, wel«

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