Zeitschrift 
Zur Geschichte und Litteratur : aus den Schäzen der Herzoglichen Bibliothek zu Wolfenbüttel / von Gotthold Ephraim Lessing
Seite
299
Einzelbild herunterladen
 

?""-»^""^; ( 299 ) >

§Z.Erstlich haben Kinder bis zehn Jahre schlech-terdings keine Fähigkeit eine Offenbarung entweder zuverstehen, oder mit Grunde davon zu urtheilen. Dennwas zarte Kinder betrifft, die erst auf die Welt kom«mc'n, so können sie zwar mit Waffer besprengt, und un-ter beygefügtem Formular getaust werden: es können'andere Erwachsene statt ihrer ein Glaubens-Bekennt-niß dabey ablegen, und alsdenn statt ihrer ja sagen,wenn gefragt wird, ob sie auf solchen Glauben wollengetauft seyn? Allein die Kinder haben noch nicht die ge-ringsrcn Begriffe, sie künuen noch nichts von einanderunterscheiden, und sind sich dessen, was mit ihnen ge-schiehet, im geringsten nicht bewußt. Weil nun keinGlaube, Religion, oder Erkenntniß von Gott und gött-lichen Dingen ohne Begriffe mag gedacht werden: so istnicht möglich, daß diese getaufte Kinder einen Glaubenvon der Offenbarung haben. Will man sich etwa aufeine übernatürliche Wirkung Gottes in die Seele beru-fen, dadurch ein Glaube gewirket würde: so müßte mandoch gestehen, daß dieser gewirkte Glaube aus der Tau-fe, ein Glaube ohne Begriffe, und also ganz was an-ders sey, als der Glaube, welchen die Kinder nachmalsin den Schulen aus dem Catechismo lernen. Denn hätteder heilige Geist in den getauften Kindern ein Erkennt-niß von Gott, von den drey Personen, von Christo,von seiner Person und Naturen, von seinem leiden undSterben», s. w. gewirkt: was brauchte es denn nach-hcr eines elenden Schulmeisters, um dieses Erkenurnißden Kindern einzupflanzen? könnten die Begriffe, so derheilige Geist gewirkt, so bald verschwinden? könnten die

U 4Lehr-