Zeitschrift 
Zur Geschichte und Litteratur : aus den Schäzen der Herzoglichen Bibliothek zu Wolfenbüttel / von Gotthold Ephraim Lessing
Seite
348
Einzelbild herunterladen
 

(Z48)

zutrauen mögte, zu Urhebern habe, oder ihnen nur un-tergeschoben sey: und ob man mit dem Buche auch inso langer Zeit allemal ehrlich und vorsichtig genug um-gegangen; oder ob e6 auch hin und wieder verfälschtoder verstümmelt sey. Denn gewiß keine Art Schrif-ten sind der Nachstellung der Betrüger, und Gefahr derVerfälschung mehr unterworfen, als solche, die den Rufeiner Weissagung, Offenbarung und Göttlichkeit vor sichhaben: kein Volk hat sich in der Kunst, ganze Schrif-ten unter dem Namen prophetischer Männer zu schmie-den, dreister gewiesen, als das Jüdische: keine Secteist wegen der srauclum pi-n-um in Unterschiebung der,,Schriften so berühmt, als die Christliche. Wir habenkeine Offenbarung davon, in welchen und wie vielenBüchern die Offenbarung enthalten sey? wenn und vonwem ein jedes geschrieben? ob der Schreiber von dem,'heiligen Geiste getrieben sey? ob diejenigen, welche daszuerst von den Verfassern geglaubt, richtig gcurtheilet,oder sich betrogen haben? Es läßt sich von den meistenBüchern altes Testaments augenscheinlich zeigen, daßsie so alt nicht seyn können, als sie ausgegeben werden,noch von denen geschrieben seyn können, die man gemei-niglich für die Verfasser halt. Moses kann nicht Ver-fasser von den fünf ersten Büchern des alten Testamentsseyn, so wie wir sie jetzt haben: und was denn auchMosis Gesetz vorzeiten geheißen haben mag, das warvor der Babylonischen Gefängniß fast in keines Han-den. Die Samariter wollten hernach von keinem an-dern Buche, als diesem allein, wissen: alle übrige pro-phetische Bücher kannten sie nicht, und nahmen sie nicht

an.