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Kraft ist, daß man sich der Thränen erwehren muß, wenn sie unS die Legende betendalso zeigt: „Ach mein Heiland, du Erlöser der Seelen, der du täglich so Vielebekehrst, wirst du denn meine Seele zu Grunde gehen lassen? Sie hat dich ja ebenso viel gekostet, als die Seele der heiligen Magdalena, verlaß mich in meinem Elendenicht, sondern erbarme dich meiner!" — Wenn unsere Zeit in der Thorheit und Un-wissenheit solche Fortschritte gemacht hat, daß sie vom innern Leben des Geistesgar keine Kenntniß mehr hat, und dasselbe auch nur für Ueberreiztheit der Phantasieerklärt, so läßt sich solchen Ungereimtheiten nicht besser begegnen, als wenn man denUnglauben zu jenen Schriften schickt, deren Verfasser die höchste Stufe der AScese undder evangelischen Weisheit erklommen haben. Wer verdient da wieder eher genanntzu werden, als die seraphische Mutter Theresia mit ihrer „himmlischen" Lehre, wiedie Kirche selber sagt, die nicht allein eine heilige Klosterfrau, sondern mehr noch einevom heiligen Geiste erfüllte Lehrmeistern, war; deren Uebermaaß von göttlicher Liebeso unermeßlich und tief in ihrem Herzen lag, daß sie aus Sehnsucht nach dem ewigenBräutigam ihre englische Seele aushauchte. Sollte nicht auch die demüthige Domi-nicanerin Katharina von Siena zu nennen sevn? Sie, deren mächtigen Einfluß aufdie Weltgeschichte ihrer Zeit, und mehr noch auf die Kirche, oberflächliche Schwätzer(wie Rotteck) der „Dummheit und Bigotterie" des Pöbels zuschreiben, während alleWelt weiß, daß Friede und Einheit zu erhalten eine arme Jungfrau auS Siena etwasmehr als gewöhnliche Klugheit besitzen muß, ja solches ohne göttliche Mitwirkung beiso schwacher Kraft gar nicht denkbar ist. Diese große Schülerin deS heiligen Dvmi-nicuS hat mehr gethan, als ein gewöhnliches Weib thun kann, und steht daher auchum so erhabener da, angethan mit Genialität im edelsten Sinne deS Wortes.
Wenn auch unsere Zeit an so begabten Frauen nicht überreich ist, so läßt sichdoch nicht läugnen, daß darum das Bedürfniß nach ihnen noch immer fühlbar ist;und zwar vermißt man sie gerade dort, wo ihr Wirken und Streben einen zwargeräuschlosen und weniger bemerkbaren, aber gerade deßhalb um so sicherern und all-gemeineren Nutzen stiften könnte, im heiligen Schwestervereine der religiösen Ordenund Genossenschaften. Wohl ist eS einerseits anerkennenSwerth und erfreulich, wennselbst aus den höhern Ständen, deren Vertreter an Ueberfluß und Weltfreude gewöhntsind, nicht Wenige die stillen Klosterzellen aufsuchen, und einem dürftigen OrdenS-kleide allen Prunk und Glanz, den ihre günstige Lage ihnen verschaffen könnte, vor-ziehen. Aber was uns als böses Zeichen der Zeit gilt, ist jene oberflächliche Beur-theilung, die selbst von bessern Christen denen zu Theil wird, welche ihr Leben aus-schließlich dem Dienste des Herrn' widmen; jenes Nichtverstehenwollcn deS göt lichenRufeö an Seelen, die aus der Menge der Berufenen in die Reihen der AuSerwähl-ten lreien. ES wäre an der Zeit, daß die Katholiken, und namentlich die katholi-schen Frauen, welche als folche gelten wollen, das, waS sie selbst zu thun nicht imStande sind, wenigstens bei Andern, die es unternehmen, aus kleinlichem Neid oderUnwissenheit nicht tadelten, daß man nicht von so vielen Zeitgenossen sagen müßte:Wer selber keine Tugend hat, glaubt auch nicht an das Daseyn derselben bei Anvern!Möchte man jenes Wort deS heiligen Bernhard öfters erwägen, und es wäre auchdie Antwort zu vielen religiösen Fragen gegeben: ninil (^risto deelisti, si ei cortuum tolum non cleclisti. Du hast Ehristo nichts gegeben, wenn du ihm nicht deinganzes Herz geschenkt. (Oestcrr. Volksfr.)
Stoff zum Rachdenken.
Das englische Blatt „Herald" sagt: „Der Krieg ist ein Gottesgericht über dieSünden der Menschheit, und so wie das größte Ereigniß, dessen Andenken am Char-freitage gefeiert wird, so wie die Kreuzigung zugleich ein schauerliches, von Menschen-hand begangenes Verbrechen, und ein Act göttlicher Barmherzigkeit war, die dasnamenlose Verbrechen zum Heil und zur Erlösung der Menschheit wandle, so wirddie göttliche Barmherzigkeit das Vorgehen des CzarS zum Heil Europas kehren.