für immer der analytische Weg versperrt, so steht der synthetischeunbedingt offen, und Niemand könnte einen Chemiker an Herstel-lung einer Substanz hindern, mit welcher, unter vollkommen glei-chen Modalitäten, eben dasjenige sich zutrüge, was mit der Sub-stanz in dem Fläschchen.
Hören wir nun nach diesen apriorischen Schlußfolgerungen«inige Zeugnisse! Beginnen wir dabei mit einem der neuesten. —Unter die tiefsten Denker und unter die ausgezeichnetsten Gelehrtenseines Fackcs, die Neapel in letzter Zeit auszuweisen hat, gehölteder Professor Nikolaus Fergola, ein Mathematiker ersten Ranges,anncben hervorgehoben durch alle jene höhern und edlen geistigenund moralischen Eigenschaften, welche die Römer unter dem WortVirlui^ begriffen haben. Er starb als Mitglied der königlichenAkademie der Wissnschasten am 21. Juni 1824. Unter de->Wcrthvollcn Handschriflcn, die er zurückließ, und welche von derBibliothek des königlichen bourbonischcn Museums aufbewahrt wer-den, fanden sich auch vollständige, nur der Ordnung noch bedürsende Materialien zu einer Schuft, die voriges Jahr durch denProfessor Flauti herausgegeben wurde unter dem Titel: 'Ivoricalic- mirnceili, »^s^osts con metoclo eiimvslraUvv so^uita daun elioorso .ipole-gotiLli sul »rirueolo <Ii 8. i^enniiro, welchemnoch eine Abhanvlunq beigefügt ist: II SLiili.ALntc) oel il pensieroessoro i»ec)ii>pulil)ili allu muteriiZ, malemuliLiiinentiz climo-strulo.
Mathematiker gelten in der Ziegel nicht als Leute, welchedurch Eindrücke aus die Einbilvungck-aft leicht sich bestechen lassen;sie geh n in der Regel bei ihren Forschungen behutsam zu Werke,wollen auf den Grund der Erscheinungen dringen, begnügen sichnicht mit Schein und Möglichkeiten, sondern verlangen zwingendeBeweise. Fergvla's Definition eines Wunders ist ganz kurz folgende: „ein Phänomen, von dem sich keine natürliche Erllä-unggeben läßt;" wobei er zugleich die Unzulänglichkeit der Wölfischenund der Clark'fchcn, so wie die Frechheit der Svinoza'schen Defi-nition nachweist. Darauf geht er zu der innern Möglichkeit derWunder über und widerlegt die Einwendungen der Gottlosen.Nachdnn er ferner über die Natur der Wunder, deren Urheberund Zweck, und über die Energumenen seine Sätze aufgestelltund erwiesen, kommt er aus das Wunder des Bluts des heiligenJanuarius .
Zuerst beschreibt er mit aller Genauigkeit das Gefäß, inwelchem das Fläschchen gezeigt wird, und stimmt bezüglich derWeise der sorgfältigen Aufbcwah-ung mit dem früher Erwähntenvollkommen übcrclu. Das Flüssigwcrden erfolgt 25' Male imJahr, mithin in einem Jahrhundert 2500 Mal, obwohl es etwazu einer Zeit unte-bleibt. Die namhaftesten Aerzte, Philologen,Kritiker Neapels sind häufig Zeugen des Vorganges gewesen, undKeiner je fand sich zu Einwenvungen dagegen veranlaßt. DasBlut, so wie es flüssig wird, zeigt keine lcimarligcn Bestandtheile,sondern wird flüssig w>« Wasser, und bleibt sich in diesem Zustandestets gleich. Ob vor den Beschauenden das Fläschchen täglichüber tausendmal gedreht werde, nle wird dasselbe trübe. Fergola^hat seiner Abhandlung eine Tabelle beigefügt, in welcher dielWärmegrade der Kirche während drei Octaoen, nach Fahrenheil'-^schc-n Thermometer, uud zugleich die Zeitdauer des Flüssigwerdens ^und der Stand von diesem genau verzeichnet ist. Während dergamen Octave vom 19. bis 26. September 17^14 wechselte derWärmegrad bloß zw s.hcn 77 und 80 G-ad Fahrcnhcit (20 bis!21^2 Rcaumur), wahrlich ein unbedeutender Unterschied; die Zeitdes glüssigwcrdenö dagegen von 5 bis 27 Minuten, und einmalnur wurde die Substanz bloß halb flüssig. Bemerkenswert!) ist,I
daß am 19. Sept. bei 80 Graden 27 Minuten, am 26. aberbei bloß 77 Graden nur fünf Minuten verflossen. Vom 2. bis10. Mai 1795 wechselte das Thermometer zwischen 67 und 80Grad, die Zeit zwischen 2 und 41 Minuten, bei 67 Grad ver-flossen 15 Minuten, bei 80 Grad 33 Minuten; wonach Wä me-grad und Zeitdauer außer aller gegenseitigen Beziehung stehen.Noch merkwürdiger ist der Wechsel der Zeitdauer in dem Verhält-niß zu der Folge der Tage. Man wäre vielleicht geneigt, zuglauben, die Zeit bis zum Flüssigwerden nehme im Fortschreitender Tage ab, und wenn dasselbe heute stattgefunden, w rde esmorgen um so schneller vor sich gehen. Keineswegs. Am 2. Maiverflossen 12 Minuten, am 3. bloß 2, am 4. hingegen 41 undam 5. nur 22. In den acht Tagen vom 19. bis 26. Septemberdes gleichen Jahres schwankte das Thermometer zwischen 74 und81 Grad, die Zeit aber zwischen 3 und 32 Minuten. Auchdicßmal standen Zeit und Wärmegrad durchaus in keiner Wcchscl-verbindung. Im September erfolgt das Flüssigwcrden um 9 UhrVormittags, worauf das Blut aus der weit wärmern JanuarS -CaxeUe auf den Hochaltar der kältern Dvmkirche getragen wird,und bis zum Abend, wo man cS wieder in seine Nische stellt, inimmer gleich flüssigem Zustande bleibt. Im Mai ist es täglichzweimal flüssig, Vormittag von 9 bis 12 Uhr; um Mittag wirddas Rcligua ium verhüllt und die Kirche geschlossen. Wird hieraufNachmittugö drei Uhr die Hülle weggenommen, so findet sich dasBlut wieder in festem Zustande, bis es abermals slreßnrd wird.
Das nun sind die Beobachtungen eineS Privatmannes, wäh-rend des Verlaufes einer kurzen Zcitsrist. Allein seit dem Jahr1659 werden alle Wahrnehmungen über die Beschaffenheit desBlutes bei dem Herausnehmen aus der Ni'chc, über die Umstände,unter denen es flüssig wi-d, über den Grad der Flüssigkeit, überden Zeitverlauf bis zu dieser, durch den Schatzmeister der Capcllcund einen Chorherr» Jedesmal aufgezeichnet. Würde das wohlgeschehen, oder der Mühe werth eracht t werden, wenn hier Be-trug statt fände? Diese Auflcichnu'gen sind zugleich ein fortlaufen^der Commentar zu dem eidlich beschworencn Bericht des SecrctärSder zur Deputation des Schatzes Verordneten, der darüber sagt:„Manchmal veizieht sich das Flüssigwcrden, Einmal etwa erfolgtes gar nicht; bisweilen ist das Blut schon flüssig, wenn es ausdem Schrank genommen wird; nicht selten füllt es das Fläschchenso, daß die Bewegung des Flüssigen nicht kann wahrgenommenwerden. Das Gleiche ist zuweilen der Fall, wenn cS ausgesetztist; entweder bleibt es so den ganzen Tag, oder es sinkt wieder.Jetzt wird die ganze Masse flüssig, dann wieder bleibt ein Klum-pen zurück, der in dem Fläschchen umhcrschwimmt; ein anderesMal, jedoch selten, wird es flüssig, indem es zum Küssen darge-reicht wird, gewöhnlich indlß, wenn es auf dem Altare steht, woNiemand es zu berühren im Stande ist; eine brennende Kerzewird von Zeit zu Zeit hingehalten, um zu sehen, ob das Flüssig-werden erfolgt sey. Alle diese Verschiedenheiten erzeigen sich ohneOrdnung oder Neihcngcmg, auf den etwa die Witterung Vc;ughaben könnte. Nicht nur wird zu gleicher Zeit des einen Jahreswahrgenommen, was in derjenigen des andern anders ist, ja oftin der gleichen Octave, selbst an dem gleichen Tag sind Verschie-denheiten zu bemerken."
Hierin ist dann die Behauptung des Temperaturwechscls zwi-schen der angeblich kältern Nische, worin das Biut aufbewahrtwird, und der wärmcrn Kirche entschieden widerlegt, wenn nichtvon vornherein dürfte angenommen werden, daß diese Temperatur-Verschiedenheit nicht so bedeutend seyn könne, um einen festenKörper in einen flüssigen zu verwandeln. Wäre aber auch, wovon