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15. Navl-r. 1894.
Die Beuroner.
Durch die Presse geht gegenwärtig die Nachricht,daß die Beuroner Benedictinercongregation demnächst auchim fernen Auslande Niederlassungen gründen wird. Schonim Vorjahre wurden einige Patres derselben nach Bra-silien entsandt, um in die dortigen OrdensverhältnisseEinsicht zu nehmen, da vom HI. Stuhle die Einführungder von den Beuronern angestrebten Reformen in dortigenKlöstern befürwortet wurde, und es soll nun demnächst,sobald die hiezu nothwendigen Anstalten getroffen seinkönnen, eine Colonie nach Südamerika entsandt werden.Auf der Rückreise haben diese Patres in einem Klosterder portugiesischen Provinz Porto Aufenthalt genommen,und während desselben theilte ihnen dessen Abt seinenWunsch mit, es von Beuroner Mönchen geleitet zuwissen. Es wurde nun beschlossen, daß der vor einigenJahren in die Kongregation eingetretene Fürst Nadziwill(?. Benedict) mit der Mission nach Portugal betrautwerden solle. Gelegentlich dieser Neuigkeiten dürfte esvon Interesse sein, Näheres über die so sehr empor-strebende Kongregation zu erfahren.
Dieselbe wurde, wie bereits bekannt sein dürfte, vormehr als zwei Dezennien durch den späteren, nunmehrgestorbenen Erzabt Dr. Maurns Wolter gegründet, dervom hl. Stuhle mit der Reform des Benedictinerordens,zunächst in den Ländern deutscher Zunge, betraut wordenwar. Zur Ausführung seiner Pläne, zu denen nur diegeringsten Mittel vorhanden waren, fand er unerwartetentgegenkommende Unterstützung durch die Fürstin Ka-tharina von Hohenzollern , welche ihm die Gebäulichkeitenihres Besitzthumes Beuron in Hohenzollern zur Gründungeiner ersten Niederlassung in Deutschland überließ. NachUeberwindung vieler anfänglicher Schwierigkeiten erreichtedieselbe eine Blüthezeit, welche die Aufmerksamkeit weiterKreise anzog und speziell die Pflege der Künste in derneuen Communität ließ sie zu hoher Achtung gelangen.Der Name der Beuroner Malerschule wurde seitdem inErörterungen der neuen christlichen Kunst oft unter An-erkennung der Bedeutsamkeit der von diesen Kloster-künstlern angestrebten Reformen zur Förderung der Würdeund Erhabenheit christlich-künstlerischer Schöpfungen inden Vordergrund gestellt. Ferner wurde die eigenartigeWiederbelebung des Choralgesanges durch die BeuronerMönche bald so geschätzt, daß sogar bei Verbannung der„jesuitenverwandten" Congregationen zur Zeit des Cultur-kampfes man dem Zugeständnisse nicht abgeneigt war, dieBeuroner im Lande zu lassen, falls sie dem Unterrichtein der Kirchenmusik ihr Hauptaugenmerk zuwenden würden.Doch endeten die damals eingeleiteten Verhandlungen der-art, daß die Mönche sich in das ihnen gebotene Asyl zuVolders in Tirol begaben.
Es waren ihnen aber noch glücklichere Zeiten durchdie Gunst des österreichischen Kaiserhauses beschieden.
Vorerst wurden sie zur Uebernahme des vereinsamtenBenedictinerklosters Emmaus bei Prag veranlaßt. EineBesichtigung der früher dringend einer Verbesserung be-dürftigen, durch ihren historischen Werth in mancherHinsicht bedeutsamen Gebäulichkeiten in der Gegenwartmag erkennen lassen, was Beuroner Fleiß und BeuronerKunst in verhültnißmäßig kurzer Zeit zur Vervollkomm-nung und Veredlung zu schaffen vermag. Die Kirche,die historische Wenzelscapelle, und das Kloster selbst sind
durch die herrlichsten Frescogemälde und sculptorischeKunstentfaltung zu einer der hervorragendsten Zierdender altehrwürdigen Stadt geworden.
Die stets wachsende Zahl der Mitglieder der Con»gregation wachte bald neue Gründungen nothwendig.Schon vor der geschilderten Besserung der Verhältnissefür dieselbe in den Ländern deutscher Zunge war eineNiederlassung zu Maredsous in Belgien durch die Opfer-freudigkeit eines belgischen Edelmannes veranlaßt worden,welcher der Bau einer imposanten, im gothischen Stilegehaltenen Heimstätte für die eifrigen Mönche zu dankenwar. Der erste Abt dieses Klosters war der Bruder desgenannten Erzabtes, Dr. Placidus Wolter , und unterseiner Leitung wurde nicht nur der künstlerische, sondernauch der literarische Werth der neuen Communität ge-sichert, welch letzterer gegenwärtig eine allgemeine Wür-digung erfährt. Das „Cstroinooli Leueätetimim" unddie „Lunalas äs l'Orära äo Luiuk-Löiwlk" dürften,was historische Forschung und treffende Kennzeichnungder Neformverhältnisse der Gegenwart anbelangt, zu dengeschätztesten Quellen gehören. Das Gedeihen der Neu-stiftnng hat es auch ermöglicht, daß mit diesen Bestreb-ungen erzieherische Thätigkeit verbunden werden konnte.DaS Kollegium von Maredsous , dessen Schüler meistbelgischen Adelskreisen entstammen, ist sehr geschätzt,ähnlich wie das, welches mit der zweiten noch zu er-wähnenden Niederlassung im Auslande, in dem PriorateErdington bei Birmingham , gegründet wurde.
In Oesterreich und Deutschland sollte der Kon-gregation noch weitere Entfaltung beschieden sein.
Durch die Bemühung des Cellerars der PrägerAbtei, k. Jldephons Schober, gelang die Erwerbung deshistorisch durch die Fürstbischöfe von Graz bekannten, imJahre 1140 vom Grafen Adalram von Waldeck ge-gründeten Klosters Seccau, dessen ausgedehnte, aber sehrreparaturbedürftige Räume zunächst zur Wohnstätte desBeuroner ClcricateS bestimmt wurden.
Nachdem im Jahre 1687 das anfängliche PrioratSeccau zur Abtei erhoben war und früher schon derWiedereinzug der Mönche in ihrem ersten Kloster ge-stattet sworden, wurde dem Gründer der Kongregationder Titel eines Erzabtes zuerkannt, und wühlte derselbewieder Beuron zu seiner Residenz. Emmaus erhielteinen neuen Abt in der Person des früheren Priors,k. Benedict Sauter. Der obengenannte Cellerar hin-gegen wurde zum Abte von Seccau bestimmt.
Die spätere Uebernahme des Klosters Maria-Laach darf bereits als bekannt vorausgesetzt werden.
Wenn wir nach der Ursache dieses verhültnißmäßigso auffallend raschen Wachsthums dieser unter nicht allzugünstigen Auspicien eingeleiteten Neformbcwegung imBenedictinerorden fragen, so dürfte der energisch vorwärtsstrebende, fest an den erkannten Principien haltende unddoch mit seltenem mildem Zugeständnis; an einzelne Ver-hältnisse wirkende Geist, der die Führer in ihren Bestimm-ungen und Handlungen beherrscht und der in dem mehr alsunter andern Verhältnissen erzielten Gesammtbewußtseinder Communitäten eine kräftige Stütze findet, verbundenmit dem die Bemühungen reichlich lohnenden schützendenEntgegenkommen von Seite hoher und einflußreicherKreise, als solche sich ergeben.
Die Grundsätze und Gebräuche des Ordens, wennauch nicht für alle Individualitäten in gleicher Weise