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Pflicht zu erschweren. Geh' denn, Roberto; sobald Du fort, eile ich in den zerfallenenGartsnpavillon am Ende der Besitzung, dort in einem der Nebenräume habe ich einwunderliebliches Madonnenbild entdeckt, keine Künstlerhand hat es gemalt, halb erloschensind seine Farben und doch habe ich es so lieb gewonnen, blickt das Antlitz so mild undgütig, daß ich täglich zu ihm wallfahre. Ihrem Schutz will ich Dich empfehlen, Roberto,sie wird reinster Liebe Flehen gnädig sein."
Das Gespräch der beiden jungen Leute ward durch das Erscheinen des Besitzersder Villa unterbrochen. Herr Jofo Valdini war ein Mann in den Fünfzigern; seineZüge hatten einen milden, fast kindlichen Ausdruck; es war ein Antlitz, das keine Leiden-schaften der Seele trübte, wenn anders seine unbegrenzte Hingebung für die Sache desKönigs Franz nicht eine Leidenschaft zu nennen war, dem er bereits schwere Opfer mitfreudigem Herzen gebracht. Mit freundlichem Lächeln begrüßte er das junge Paar. „Sorecht, mein Kind", sagte er, die feine, weiße Hand auf Almas dunkelblondes Haar legend,— „die Ehre über alles, über alles die Treue. Glaube mir, kannst Du, des NordensTochter, auch nicht urtheilen über des fremden Landes Politik, — Du darfst mir glauben,Dein Roberto dient keiner schlechten Sache."
„Kann es ein Mann mit seinem Herzen, mit dem Eueren, Herr?" rief Alma.„O meinet nicht, daß mir des Landes Wohl und Weh gleich sei, das ich seit fünf Jahrenmeine Heimath nenne. Als ich mit der theuren Mutter hier anlangte, die Verwandtenaufzusuchen, die uns so lange schon gerufen, um der Schande zu entgehen, die meinesBruders Leichtsinn über unseren Namen in Deutschland gebracht, als wir sie ein Opferder herrschenden Epidemie, nur als Leiche antrafen, da wäret Ihr es, edler Herr, derEuch der verlassenen Frauen annähmet; und als vor zwei Jahren mir die Mutter ent-rissen ward, da botet Ihr mir Euer Haus, als das eines Vaterhauses. Als »reinenVater betrachtete ich Euch und in Eure Hand legte ich die Entscheidung, obwohl meinHerz längst gesprochen, da Roberto Ariano, der Freund Eueres Hauses, Euer verjüngtesEbenbild in Handeln und Denken, um meine Hand warb."
„Und ich willigte mit Freuden ein", sagte der alte Herr gerührt. „Wollte Gott ,mein Sohn gliche Deinem Roberto. An meinem leiblichen Kinde habe ich der Freudenwenige; schon jung zeigte er ein so leidenschaftliches Temperament, daß meine Milde ihmgegenüber zur Schwäche geworden wäre. Ich sandte ihn, dem die leitende Hand derMutter nicht vergönnt war, in ein Pensionat nach Turin . Als er der Schule entwachsen,trat er in den Dienst des Staats. Hätte ich ahnen können, daß Sardinien ausersehen,das Geschick Italiens zu ändern, — ich hätte nimmer meine Einwilligung gegeben. Alsich ihn zurückrief, den Bourbonen seine Dienste zu weihen, denen sein ganzes Haus inTreue ergeben, verweigerte er mir den Gehorsam. Freilich seit einiger Zeit sind seineBriefe herzlicher, er scheint, überwältigt vom Mißgeschick des unglücklichen Königspaares,sein Unrecht einzusehen und soeben erhielt ich von ihm einen Brief, der noch für heutemir das Eintreffen meines Luigi meldet."
Die Mittheilung des Hausherrn schien eben nicht angenehm auf den jungen Offizierzu wirken.
„Und wird Luigi lange im väterlichen Hause verweilen?" fragte er.
^ Valdini verstand ihn. „Seid unbesorgt, mein junger Freund", sagte er. „MeinSohn wird nicht vergessen, daß eines Valdini erste Pflicht Ritterlichkeit gegen Damenheißt. Ich hoffe, Ihr werdet noch Freunds werden, Roberto, — so oft nannte ich michin Trauer um meinen Sohn, der so wenig meine Liebe begriff, kinderlos — vielleichtdarf ich im Alter der Kinder drei an mein Herz schließen."
Zweites Kapitel.
Kaum zehn Minuten von der Villa Valdini's entfernt, hielt ein leichter offenerWagen von einem Kutscher geführt; nebeu dein Lenker saß ein wildbnrtiger Mann inabgeschabter, bestaubter Kleidung, dunkelblondes Haar fiel ungeordnet um seine Schläfe»und wild und unstät blickte sein Auge. Er mochte das Ende der zwanziger noch nicht