Ausgabe 
(13.1.1883) 4
 
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Nr. 4.

1883.

zur

Ängslttlrger PostMmg."

Samstag, 13. Januar

Der Hieuiennnt freit.

Eine Heirathsgeschichte, erzählt von Klara Neichner.

(Nachdruck verdolcu.)

An einem Fenster des zweiten Stockwerks eines Hauses der Nömergasse in deralten Garnisonstadt Zc. stand an einem schönen Frühlingstage der Lieutenant AdrianSchnell und schaute hinab auf die stille Straße.

Wer indessen glaubt, er habe dort unten irgend etwas Bestimmtes gesehen odersehen wollen, der wäre in einem sehr großen Irrthum befangen. Nein, der Blick desLieutenants schweifte weiter, viel weiter bis in die Zukunft, von wo ein gar heiteresBild ihm entgegen lächelte.

Mit einem Worte sei's gesagt: der Lieutenant hatte Heirathspläne, und dies zumersten Mal in seinem langjährigen Lieutenantsleben. Nicht, als wäre er noch nie verliebtgewesen im Gegentheil, gar mancher Namenszug war schon, verschlungen und nichtverschlungen mit dein seinen, in irgend eine geduldige Baumrinde geschnitten worden, schonmancher schien ihm auch in's Herz gegraben, aber es war noch immer bis zur StundeGras und Moos über die Einschnitte gewachsen, und hatte die leise Spur verwischt, alswäre sie nie dagewesen. Das ist das Loos des Schönen auf der Erde!

Dazu kam freilich noch etwas Anderes und sehr Gewichtiges! Adrian Schnell warselbst unbemittelt, folglich verbot es sich von selber, die Tändelei zum Ernst zu machen,wenn nicht noch andere Glückesgüter dem Bund zu Hilfe kamen, als nur ein Herz undeine Hütte wie die Dichter singen. Zwar war der Lieutenant nicht der Mann, um ausschnöder Berechnung in den Ehestand zu treten. Das aber sah er ein: bis zumHauptmann hatte es noch gute Weile, und auf so viele, ungewisse Jahre hin sich zubinden, kam ihm nicht in den Sinn, sondern erfüllte ihn im Gegentheil mit einem ge-linden Schauer. Er sah das Leben wohl fröhlich, doch nicht leichtsinnig an und hatte,in einem sparsamen Haushalt aufgewachsen, und während einer langjährigen Dienstzeitin der Disciplin geübt, es gelernt, das Gesetz eiserner Nothwendigkeit anzuerkennen unddas Unvermeidliche niit Würde zu ertragen.

Und in diesem Falle war das Unvermeidliche, das Nöthige: Geld, Geld und wiederGeld, als Zuschuß für seine Lieutenantsgage, und um eine Heirath überhaupt, so langeer noch Lieutenant war, zu ermöglichen.

So kam es, daß der überall gern gesehene, schmucke Lieutenant, noch nie auf Freiers-füßen wandelte, denn um seine Hand ohne sein Herz fortzugeben, dazu war er doch zuehrlich und zu gewissenhaft.

Jetzt aber hatte sich die Sachlage verändert» seit unser Lieutenant zum ersten Malauf einem Hausball die hübsche Mina Roth, des reichen Privatiers Korbinian Roth einzigeTochter, gesehen hatte. Ob ihre sich begegnenden BlickeBlitz und Schlag zugleich"waren, ob ihre Herzen sichzusammentanzten" wer kann es sagen kurz und gut,das Ende vom Liede oder vielmehr vom Balle war, daß der Lieutenant sehr nachdenklich