Ausgabe 
(13.1.1883) 4
 
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Wie man nun bei dieser Sachlage behaupten kann, die Kreuzfahrer hätten dergleichenStatuettenoft in Menge" gefunden, ist schwer begreiflich, und noch unbegreiflicher istes, daß sich von den in Menge gefundenen Statuetten, welche die Kreuzfahrer, ohne sicham Fundorte um ihre Bedeutung zu erkundigen, in die Heiuiath brachten, nicht eineeinzige erhalten hat, auf die man sich zur Begründung der gegebenen Erklärung berufenkönnte.

Ueberdies handelt es sich hier um Bilder und nicht um Statuetten; angenommen,die Kreuzfahrer hätter solche Statuetten in die Heimath gebracht, so mußten offenbarnach diesen Statuetten erst die Bilder gemalt werden, und es wäre daher gewiß wissens-werth, zu erfahren, wann, wo und von wem diese Bilder gemalt wurden; lauter Fragen,deren Beantwortung mit Rücksicht auf die weite Verbreitung und Berühmtheit, welchediese Bilder erlangt haben» sowie mit Rücksicht auf den llmstand, daß die Kunstgeschichteseit dem dreizehnten Jahrhundert fast vollkommen klar vorliegt, gar keine Schwierigkeitenbieten könnte und doch wird man nach einer befriedigenden Antwort vergebens suchen.

Betrachten wir noch kurz die Abbildungen der Isis. Herodot berichtet, man habesie in weiblicher Gestalt mit Kuhhörnern abgebildet. Ihre Bekleidung besieht in einemenganliegenden Unterkleide, der Kopf ist mit der sogenannten egyptischen Haube bedeckt,an welcher sich Kuhhörner und zwischen diesen eine Scheibe befindet; in der Hand hältsie das Sistrum, ein Musikinstrument, dessen sich die Egypter bei ihren Festen bedienen.Die VasinI,, Nöinbiim, ein uraltes egyptisches Denkmal, welches aus einer mit blauemSchmelzwerk überzogenen Kupfertafel, in die Silberfäden künstlich eingelegt sind, besteht,zeigt als Hauptfigur die sitzende Isis . Auf anderen Denkmälern wird die Isis in sitzenderGestalt abgebildet, wie sie den Knaben Horus säugt; oft hat sie, gleich der Artemis ,eine Menge von Brüsten, um sie als Göttin der Fruchtbarkeit zu kennzeichnen. RömischeKünstler endlich gaben ihr die gewöhnlichen weiblichen Attribute, ja oft einen ganz juno-nischen Charakter. Zwischen diesen, mitunter geradezu fratzenhaften Gestalten der Isisund den Hoheit athmendenschwarzen Madonnen" einen Vergleich anzustellen, erscheintüberflüssig, ja selbst unwürdig und Derjenige, welcher eine Achnlichkeit herausfindet,besitzt jedenfalls die üppige Phantasie der Orientalen.

Sprechen schon diese Ungereimtheiten gegen die von dem oben genannten Blattegegebene Erklärung, so wird sie durch das Zeugniß der Kunstgeschichte entschieden widerlegt.

In den ersten drei Jahrhunderten finden wir im chiistlichen Cultus meist Bildersymbolischer Art, eigentliche Bilder dagegen äußerst selten. Denn die Judenchristenmußten in ihrer ererbten nationalen Abneigung gegen Bilder jeder Art geschont werden,die Heidenchr-sten aber in ihren Begriffen betreffs des Gebrauches der Bilder geläutertwerden und endlich mußte die Malerei, frei von heidnischen Anschauungen und Grund-sätzen, an der Hand des Christenthums einen neuen Entwicklungsgang einschlagen.

Unter Constantin dem Großen nahm die christliche Kunst einen erfreulichen Auf-schwung; man verließ die bislang vorwaltende Symbolik und schritt zu wirklichen Bildern,welche in dem sog. byzantinischen Style, dessen Wesen in denschwarzen Madonnen"scharf ausgeprägt ist, gehalten sind. Was war auch natürlicher, als daß die erwachendeKunst sofort Bilder der seligsten Jungfrau schuf und sie in ihrer höchsten Würde alsGottesmutter zu verherrlichen suchte?

Kunstsinnige Mönche auf dem Berge Athos schufen bald nach Constantin's Todedas Prototyp derschwarzen Madonnen"; da aber die allgemein verbreitete Ueber-lieferung, der heil. Lucas*) sei der Schöpfer dieses Bildes, immerhin auf Wahrheitberuhen kann, so ist die Annahme nicht ausgeschlossen, daß sich die Mönche das bereits

*) Nach dem Monolog des Kauers Brusilius, nacy Nikephorus und Theodorus, verstand derheil. Lucas die Kunst der Malerei. Eine Jyschrstt in einem Gewölbe unweit der Kirche 8. Norm invio lata zn Rom bezeugt, daß der heil Lucas sieben Bilder der seligsten Jungfrau gemalt habe undbezeichnet das Marienbild in der erwähnten Kirche als eines jener sieben; die Maler verehren ihndeshalb als ihren Patron.