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Der Httnger irn- der Appetit.
Viele Menschen werfen diese beiden Worte ineinander und meinen, sie wären völligsynonym oder mindestens so in Napport miteinander, daß man sie verwechseln könne.Daß dem nicht so ist, darüber geben uns die physiologischen Studien zweier renomniirterAerzte, des Dr. Leven und Dr. Fournw genaue Auskunft. Der Hunger ist nach DuLeven das lebhafte Verlangen, das uns wünsche» läßt, irgend etwas zu genießen, umdas Gefühl der inneren Leere zu beseitigen. Der Appetit ist hingegen ein koinplizirteresGefühl, das uns nicht nur wünschen läßt, irgend etwas zu essen, sondern auf ganz be-sondere Gerichte hinzielt, die unsern Gaumen und die GeschmackSnerven angenehm reizen.Das alte Sprüchwort: „i'nMk-tit vienr an mongeunt", rechtfertigt die Erklärung desHerrn Leven; denn gewiß ist, daß unser Appetit durch den Anblick gewisser Gerichte, wiedurch den Geruch derselben erregt wird, obwohl wir vorher, ehe wir dadurch angeregtwurde», keinen Hunger verspürten; ebenso werden durch Speisen, die uns unangenehm,schon in ihrem Duste widerwärtig sind, die Erregungen des Appetits, den wir zu habenmeinten, völlig herabgedrüät. Dr. Fouriö gibt eine andere, mir scheint noch richtigereDefinition der beiden Empfindungen; er betrachtet den Hunger als das unerläßliche Be-dirrfniß, das nicht so wählerisch in den Speisen ist; denn in der Noth nimmt man mitSpeisen vorlieb, die man sonst nicht anrührt; «in der Noth frißt der Elephant Mücken"— ist sehr bezeichnend dafür; während der Appetit das Gefühl eines Vergnügens ist,das die Befriedigung der Nothwendigkeit begleitet. Der Unterschied zwischen beiden istnicht gerade die Hauptsache, denn Bedürfniß ist beides, nur der Hunger das Pressantere.Wo aber ist der Sitz des Hungers? Alan weiß es nicht, sagt D/. Leven, während Dr.Langet und Schiff behaupten, daß derselbe nicht im Magen, sondern im ganzen Organis-mus liegt; „ein offenbarer Irrthum", ruft Dr. Fournie. Man bedenke nur, daß bei" Fieberkranlheiten, wie bei chronischen Leiden man die Menschen wegen Mangel an Nahrunghinsiechen und sterben sieht, ohne daß die Empfindung des Hungers sich bei ihnen geltendmacht. Fourniö verwirft auch Leven's Behauptung, daß der Sitz des Hungers als un-bekannt erwiesen sei. Eine gründliche Analyse der Phänomene des Lebens, sagt er, ge-stattet uns, darzulegen, daß alle Organe ohne Ausnahme ihren Ausgangspunkt in derEmpfindung haben, die wir unter dem Namen: „Nothwendigkeit des Funktionirens",bezeichnen. Selbstverständlich hgt der Vcrdauungsapparat auch seine Nothwendigkeit,thätig zu sein, und dieses Bedürfniß drückt man durch die Empfindung aus, der man^ den Namen „Hunger" gegeben hat. Trotz der Enthaltsamkeit vollzieht sich die Abson-derung ; die Gewebe ernähren und erneuern sich; daher setzen sich auch, die Absonderungender Magendrüsen fort, und wenn der gewohnheitsmäßige Augenblick des Einnehmens vonNahrung herantritt, dann sind die Magendrüsen vollsäftig und zum Funktioniren bereit,d. h. das Verdaute herauszuwerfen. Die darin vorübergehende Stockung ist es, die unsdie lokalisirte Empfindung des Hungers verursacht. Fourniü's Ansicht beschränkt sichmithin darauf, daß es genügt, den Magendrüsen Gelegenheit zu gebe», sich zu entleeren,um momentan die Empfindung des Hungers verschwinden zu machen; es kommt nurdarauf an, irgend einen Körper, ernährungsfühig oder nicht, in den Magen zu bringen,so wird derselbe, indem er die Verdauungsthätigkeit der Magendrüsen hervorruft, dieEmpfindung des Hungers besänftigen. Es ist zieimlich allgemein bekannt, saß die In-dianer tagelang das prinvolle Gefühl des Hungers dadurch bewältigen, daß sie ganzeStücke von Thonerde verschlingen, von der sie meinen, sie sei auch nahrhaft. Fourniöschließt, indem er sagt, daß das Gefühl des Hungers, weit entfernt, der Ausdruck jenerorganischen Schwäche zu sein, ganz im Gegentheil das momentan höchste Lebensbedürfnißausdrückt, das seinen Sitz in den Magendrüsen hat; daher ist der Sitz des Hungersnicht so unbekannt, als Dr. Leven es annimmt. Wir sind sehr geneigt, die Theorie desDr. Fourniä als die durchaus richtige anzuerkennen.