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Des Mild schuhen Rettung.
Ballade.
Das war der Wildschütz in hohem Wald,
Der arme Wilduhütz so nah dem Grad:
Die Beeren sucht er aus grünem SpaltUnd schlürft den Thau von den Blättern ab.
Er hat verloren den sichern Weg,
Er irrt umher schon den dritten Tag,
Und findet nimmer den alten Steg,
Und hört nicht Uhren- und Glockenjchlag.
„Und noch ein Tag, und ich find' ihn nicht,"
— So flucht er wild in den Wald hinein -
— „Doch wird das Tannengezweig hier licht;Wird doch ein Ausgang, kein Hohlweg sein!"
,Jch hab' geirrt, und ich dacht' es gleich! —Gut steckt die Kugel, — was liegt daran? —
Ob heut', ob morgen ich eine Leich,-
Was sollst Du leiden noch, armer Mann?"
Er hat's gesprochen, den Hahn gespannt,
Und schallt iu's Dunkel noch einmal lang,Ulld wie ein Steinbild er droben stand,Schweißtropfen per eu ihm von der Wing'.
Dann späht er wieder und fragt und flucht,Ob Hilf', ob Rettung denn keine wär';
Scheu rüst der Uhu in schwarzer Schlucht,Das Echo gibt Antwort dumpf und schwer.
Wild reißt den Rock er vom Leib herab,
Una theilt das Hemd und entblößt die Brust:„Hier ist des Wilderers wildes Grab!"
Spricht halb in Schmerz er und halb in Lust.
Doch auf der Brust mit der kalten HandDer Wilderer fühlt ein Medaillon:
AIs er beim Sterben der Malter stand,
Da gab mit Weinen sie's ihrem Sohn.
Längst war vergessen das Kleinod werth»
Jetzt sah cr's wieder und sah's so lang; —
Er wirst sich betend zur grünen Erd'
Und eine Thräne rann von der Wang'.
Er macht sich auf durch den dunklen Wald,
Im jungen Herzen ein Bittgebet;
Sieb dort, sieh dort eine Frauen gestaltDie Reiser sammelnd im Hochwald stehtI
„Ich hab verirrt mich im Dickicht hier,
Drei Tage renn ich im Wald dahin:
O zeigt den Ausweg in Güte mir,
Nicht sollt ohn' Lohn Ihr von dannen zieh'nl
Erbarmen faßte die alte Frau,
Sie führt den Wildrer zum kühlen Trank,
Und zeigt den Weg ihn, durch's Dickicht grau:„O guter Engel, habt meinen Dank!"
Er drückt der Alten so, fest die HandUnd sah ihr Auge wie Perlen klar,
Sein Herz ein Ahnen so tief empfand:
Ob nicht die Frau «eine — Mutter war?
bl. U.
M L s e e l l e n.
(Louis Vlanc.) Französische Blätter erzählen folgende Neminiszenz aus denJugendjahren des verstorbnen Publizisten Louis Blanc: „Er kam nach Paris ohne Geld,ohne Freunde und verfiel gleich so manchem Andern aus Noth auf den Gedanken,Journalist zu werden. Louis Blanc verfaßte einen Artikel, der die damalige politischeLage besprach, und eilte, sein Manuskript in der Hand, in das Nedaktionsbureau einesgroßen Journals. An der Thür angelangt, verließ ihn plötzlich der Muth und er zögertedie Glocke zu ziehen. Hinter LouiS Blanc stand ein robuster Zeitungsausträger, derbei dem Seelenkampfe des Schriftstellers unwillig den Kopf schüttelte. Endlich warddem Manne die Zeit zu lang, er öffnete d.ie Thür und stieß Louis Blanc vor sich hinein.'Der Schriftsteller taumelte in die Arme eines Herrn, dieser nahm ihm das Manuskriptaus der Hand und versprach für den nächsten Tag die Entscheidung. Als Louis Blanc die Antwort zu holen kam, bot man ihm sofort eine Stelle als Redakteur mit einemGehalt von 300 Franks. So oft der neue Neda'teur dem erwähnten Austräger be-gegnete rief er: „Das ist der Mann, welcher mir zuerst vorwärts geholfen!"
(Vom Manöver.) General I. operirt zur Zeit des Manövers gegen General P.und hält in Begleitung zweier Adjutanten auf einer Anhöhe, von wo aus er denOperationen seiner Truppen mit größter Spannung folgt. Adjudant: „Ich'erlaube mirganz gehorsamst zu bemerken, Herr General, daß es mir scheint, als ob der Feind dutchjene Bewegung beabsichtige, unsere linke Flanke anzugreifen." — „Unmöglich, meinlieber N., unmöglich! Bedenken Sie das Terrain geradezu ungangbar! Kann mir nichtdenken, dxch General P. mit derartiger — ich möchte sagen brutaler Unverfrorenheitauf mich losgeht und so den Ochsen direkt bei den Hörnern anfaßt."