Ausgabe 
(20.1.1883) 6
 
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zur

Äugslttlrger Postzeitung."

Nr. 6. Samstag, 20. Januar 1883«

Jörg von Maldeck.

Eine Erzählung aus deni fünfzehnten Jahrhundert von F. Schenk.

(Nachdruck verboten.)

I.

Es war Vorabend vom heiligen Dreifaltigkeitsfeste des Jahres 1144. Die Sonnehatte sich hinter den Bergen des Schliersee -Thales zurückgezogen. Dämmerung war all-inählig in der Niederung eingetreten, nur die Zinnen der Felsberge erhielten noch denletzten glühenden Alschiedskuß des scheidenden Tagesgestirns.

Da erklang vom Thurme der Stiftskirche zu Schliers die Aveglocke und ein leiserLusthauch trug des Engels frommen Gruß durch's Thal in die Ferne und hinauf zuden Alpentristen.

Stern um Stern zog am stillen Nachthimniel und mit der fortschreitenden Ab-kühlung der schmalen Gebirgsthäler mehrte sich der leichte Wellenschlag des See's, bisdie nächtliche Kühle sich über Berg und Thal verbreitete und auch die Seefläche beruhigteund glättete.

Aus der Dorsschenke hatten sich die wenigen Gäste entfernt und in den beschei-denen Häusern und Hütten der Handwerker und Söldner war's stille geworden. Nurvom Chöre der Stiftskirche her tönte noch der fromme Horagesang der AugustinerChorherrn, bis auch dieser verstummte und die ernsten Gestalten aus der Kirche ihrenPrivatwohnungen zuschritten.

Doch oben in der Waldecker Burg, welche sich hinter dem Weinbergs-Kirchlein aufhalber Höh« des Schlierberges erhob, war das Söllerfenster der Frauenstube noch be-leuchtet und ließ wahrnehmen, daß die edle Burgfrau, Agatha von Waldeck noch wache.

Sie leite ja in schwerer Sorge um den geliebten Burgherrn, den tapfern und frommenRitter Jörg von Waldeck, welchen vor einem halben Jahre der Hilferuf der Christen im

kernen Ungarlande gegen die Türken fortgetrieben hatte aus den Armen der theuren

Agatha» aus der trauten Burg und der schönen Heimath.

Nicht vergebens drang der Aufruf des Papstes durch den Mund des Franziskaner-Predigers Johannes von Capistrano , des Christenapostels, wie ihn seine Zeit nannte,zum Kampfe der Ungläubigen in das Bayerland. Die zahlreichen Klöster sandten Botennach allen Richtungen bis in die entlegensten Gebirgsthäler, in welche die Ritterburgenniederschauten, ernst und trotzig. Aber in diesen wohnten doch viele Männer von frommerDenkungsart, welche nicht säumten, da, wo dem Mitmenschen Gefahr drohte, einzustehenmit Leib und Leben und begeistert in weite Ferne zogen, wo es galt, für den Glaubenzu kämpfen.

Als daher am ersten Sonntage nach Epiphani dieses Jahres ein Abgesandter desAbtes Kaspar von Tegernsee die Edlen der Umgegend um ihres Seelenheiles willen auf-forderte, sich dem kühnen Wojwoden Hunyadis in Ungarn gegen Murad II. anzuschließen,da trieb auch Jörgen die gläubige Begeisterung fort in fernes Land, vielleicht in tiefesWeh!