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Wer möchte den Schmerz der zwar glaubensstarken, aber sehr besorgten und treuliebenden Agatha schildern, der ihr Herz ergriff, als Jörg mit seinen Reisigen an einemkalten Wintermorgen auszog aus der Burg; wer möchte die Thränen zählen, die sieweinte, als der Theure am Westenhofer-Hügel noch einmal sein Roß wandte und nassenAuges den letzten Abschiedsgruß dem Söller der Burg zugewinkt! —
Wenige Wochen später war Frau Agatha auf Anrathen ihres Beichtvaters, desGelehrten und frommen Chorherrn, Pater Raimund, mit ihrer Zofe Martha nach Pienzenaugefahren, wo ihre mütterliche Freundin, die Wittwe Anna von Pienzenau als letzte Burg-frau daselbst lebte. Bei dieser edlen, durch herbe Schicksalsschläge gestählten Freundinhoffte sie Trost zu finden und sie fand ihn, denn Anna verband mit Herzensgute undFrömmigkeit, Verstand und hohe Bildung. Der längere Umgang mit der Wittwe, ihrebelehrende Unterhaltung und ihre Fertigkeit im Harfsnspiele verschafften Agathen vieleangenehme Tage, in denen ihr. die Sorge um den fernen Gatten doch einigermaßen er-träglicher wurde, nachdem auch sie, im Kloster zu Frauenwörth im Chimsee erzogen, einevorzügliche Sängerin und Lautenspielerin war. Von Zeit zu Zeit lud die WittweChorherrn vom nahen Weparn zu sich auf die Burg, welches Kloster immer den Rufgenoß, daß die Musik dort eifrigst und mit Erfolg gepflegt werde.
So verstrich der Winter und war der liebliche Frühling in die Vorberge gezogenund mit ihm neue Hoffnung, neuer Trost in manche Menschenscele. Agatha erwartetemit jedem Tage Nachrichten aus Ungarn , da seit Jürgens Abreise bereits mehrere Mondeverstrichen waren und weil solche ausblieben, entschloß sich Anna von Pienzenau auf einigeWochen nach München zu gehen, wo eine Base als Hof-Fräulein der Herzogin Anna,der Gemahlin Albrecht des Frommen sich aushielt. Dort hoffte sie jedenfalls Kundeüber Jörg von Waldeck zu erhalte», dann wollte sie heimkehren und den Sommer undHerbst auf Waldeck bei Agatha zubringen.
Bald schieden die beiden Freundinnen, denn auch die Waldeckerin mußte auf dieheimische Burg zurück, da ihr Kunde ward, daß der treue, alte Jäger Kurt bedenklich er-krankt sei und seine Tochter Martha, Agathens Zofe noch zu sehen wünsche.
Der herrschaftliche Jäger hatte seine Wohnung auf der Halbinsel an der Westseitedes See's, welche auf drei Seiten ziemlich steil gegen diesen abfällt, oben jedoch einbewaldetes, nur nach Osten freies'Plateau bildete. Dort stand das Jägerhaus, ausLerchenholz gezimmert und nur im Keiler und an den Heizvorrichtungen, wie dem Kaminein Mauerwerk ausgeführt. Man gelangte von dein an der Südseite angebrachten Ein-gänge aus in einen Hausflur. Der . Eingangsthüre gegenüber befand sich die Küche mitSpeisekammer, darunter der gewölbte Keller. Rechts vom Eingangs lag die behaglicheWohnstube, deren Wände und Decke getäfelt, erstere mit Jagdgeräthe», Hirschgeweihen,Eemskrükeln und Bärentatzen geschmückt waren. Ein großer grüner Kachelofen erwecktedas Gefühl der behaglichsten Wärme während des langen Winters. Hinter der Wohn-stube lag die Schlafkammer des Jägers und seiner Hauswirthin Martha mit der große»,zweischläfrigen Bettlade.
Im Hausflur führte die Treppe mit Palustergeländer in den oberen Gaben undauf die Altane, welche diesen auf drei Seiten umgab. Drei Kammern bildeten diesesStockwerk und eine derselben, die sogenannte gute Kammer enthielt in alterthümlichen,geschnitzten Schränken die Aussteuer der Tochter, der herrschaftlichen Zofe, Mariha ; danndas Brautbett, sowie einige Truhen für Kleidungsstücke. An das Wohnhaus war einkleiner Stall für zwei Kühe angebaut, an welchen sich lie Streuhütte anschloß. EinGemüse- und Blumengärtchen umgab das Jägerhaus auf drei Seilen und war der Stolzdes alten Kurt, welcher verschiedene Alpenpflanzen in einzelnen Gruppen hieher versetzthatte und dieselben sorgfältig pflegte.
Der Jäger hatte bereits das siebenzigste Lebensjahr erreicht, war jedoch verhältniß-mäßig rüstig, denn er scheute keinen Aufstieg auf die Berge mit seinem jungen Gehilfen.Abgehärtet durch den so häufigen Aufenthalt in frischer Bergluft erhielt Kurt seinen Leib