Ausgabe 
(20.1.1883) 6
 
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gesund und kräftig, obwohl Haare und Bart längst erbleicht waren. Erst vor wenigenTagen hatte den hübschen alten Mann Unwohlsein befallen, welches sich so rasch ver»schlimmerte, daß Pater Markus von Schliers, welcher häufig bei Kurt's zusprach, sich ent-schloß, die Tochter an des Vaters Krankenlager zu rufen.

Hinter dem Jägerhause führte ein schmaler Fahrweg an den Breitenbach und überdenselben zur Mühle Rauhenstein jetzt Waxenstein über welcher sich ein waldeckischeSJagdhaus erhob. Dieses war für Jagdgäste des Ritters bestimmt und enthielt auch eineKammer für den Jagdknecht Kuno» einen Sohn des gräflichen Jägers zu Maxirain. Derjunge, tüchtige Schütze war von Jörg dem alten Kurt zur Unterstützung beigegrben, weildieser die ausgedehnten Waldungen allein nicht mehr zu überwachen vermochte.

Als Martha wenige Tage, nachdem sie Kunde von des theuern Vaters Erkrankungerhalten hatte, in das Jägerhaus und in die Schlafstube trat, gab ihr Pater Markus,der treue Freund der Jägcrsehcleute, zu erkennen, daß der gute Alts mit dem Toderinge. Wie sie an das Bett des Sterbenden trat, erkannte dieser die geliebte Tochternoch und ergriff ihre Hand, während das brechende Auge noch den letzten, vielsagendenunvergeßlichen Blick auf Martha richtete, dann aber dasselbe für immer schloß.

Markus, der in seinem langen Priesterleben wohl oft am Sterbebette gestanden,konnte sich selbst der Thränen nicht erwehren, als er das Schluchzen der Mutter undTochter vernahm. Er wußte, daß in diesem ersten Schmerze seine Trostworte vergebensseien, deshalb besprengte er nur das friedliche Antlitz des Heimgegangenen Freundes mitWeihwasser und ging tiefbewegt aus der Stube und dem Hause.

Frau Agatha, welche den Jägersleuten sehr zugethan und bei ihnen so manchenangenehmen Sommerabend verlebt hatte, suchte sowohl Mutter als Tochter, so viel mög-lich, zu beruhigen. Sie wußte, daß die Familie einen treuen Gatten, sorgsamen Vaterund daß ihr Jörg einen alten, erprobten und eifrigen Diener verloren habe. Sie sorgtefür ein ehrenvolles Begräbniß und ordnete an, daß Kuno das Nauhensteiner Schloßverlasse und zur Wittwe hinüberziehe, damit diese eines männlichen Schutzes nicht entbehre.

II.

An, Vorabend des Dreifaltigkeitsfestes zur Nachmittagsstunde ließ sich die Burg-frau von Waldeck mit der jungen Martha in einem Kahne an die Halbinsel zum Jäger-hause führen, um die gute Wittwe zu besuchen und sich nach ihrem Befinden zu erkundigen.Sie saßen lange in der traulichen Gartenlaube beisamen, in welcher Agatha mit ihremJörg schon so manche traute Stunde verlebt hatte. Erinnerungen aus vergangenen Tagen,frohe und trübe Ereignisse bildeten die Gespräche der beiden Frauen, bis die zunehmendeDämmerung zur Rückkehr in die Burg mahnte.

Frau Agatha hatte ihren Abend-Imbiß eingenommen und Martha die Lampe aufdas Erkertischchen gestellt, weil die Burgfrau dort noch einige Zeit bis zum Schlafen-gehen spann, als man vom Burgwege herauf Wagengerassel vernahm.

Jetzt kömmt die Prienzenauerin!" rief Frau Agatha.Eile, Martha, in dieWaffenkammer meines Gatten, das Fenster dort liegt nach der Burggasse."

Martha eilte fort und erschien bald darauf mit der Nachricht, daß die Kutsche deredlen Wittwe bereits an der Zugbrücke angelangt sei.

Nasch eilte Agatha der Freundin entgegen und voll bangen Gefühls schloß sie dieWittwe, als diese im Burghofe die Kutsche verlassen hatte, in ihre Arme. Diese erwidertedie Liebkosungen innig, aber mit Thränen in den Augen.

Du bringst mir keine freudige Kunde?" frug Agatha besorgt.

Sei stark, meine junge Freundin!" antwortete Anna.Was ich am Hofe erfahren,klingt schmerzlich; doch hoffe ich, Dein Jörg werde unversehrt heimkehren."

Die Waldeckerin mußte sich auf den Arm ihrer Zofe stützen, als sie die Antwortder Wittwe vernommen, denn trübe Ahnungen waren in ihrem treuliebcnden Herzen auf«gestiegen und sagten ihr, daß die Freudin sie vorerst nur schonen wolle, daß ihr aberspäter großes Herzeleid bereitet werden würde.