Ausgabe 
(20.1.1883) 6
 
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Nachdem sich die Wittwe in dem für sie bestimmten Frauengemache hatte umkleide»lassen, nahm sie in der Söllerstube bei Frau Agatha einen Imbiß zu sich und nachdem Marthasich die Lampe angezündet und das Gemach verlassen hatte nahinen die Frauen am Erker-tischchen Platz. Eben wollte Anna von Pienzenau ihre Erzählung beginnen, als dieAbendglocke vom Stiftsthurme hell und feierlich zur Burg herauf klang, ein Himmelsbote,der Balsam in das wunde Herz Agathens träufelte. Schweigend und voll Andachtbeteten beide Frauen das trostreicheAve Maria!"

Hierauf ergriff die Wittwe die Hand ihrer Freundin und sprach:

Nun höre, Agatha, und sei stark! Ich war kaum zu München angelangt, soeilte ich trotz der Ermüdung von der langen Fahrt in die Hofburg zu Agnes von Ahaim,konnte sie jedoch erst gegen Abend treffen, weil sie an diesem Tage Dienst bei der gnädigenHerzogin hatte. Als ich ihr mein Anliegen vorgetragen, sprach sie innigen Antheil anDeinem Schmerze aus, konnte mir jedoch Näheres aus Ungarn nicht mittheilen, sondernvertröstete mich auf den nächsten Abend, bis zu welchem sie jedenfalls Nachricht erhaltenwürde, weil, wie sie hörte, vor wenigen Tagen ein niederbayerischer Ritter als Abgesandterdes verwundet aus Ungarn heimgekehrt«» Grafen Albert von Bogen an den herzogliche»Hof nach München gekommen sei."

Dann fuhr sie ernster fort:

Die Nachricht, welche ich erhielt ist freilich recht traurig, doch nicht ohne Hoffnung,meine Agatha!"

O, sag' Alles, Anna, nur martere mich nicht lange!" bat unter Thränen dieBurgfrau.

Jörg wurde an der Save bei Brod verwundet und"

Und?" rief Agatha,um Gotteswillen, was hast Du noch zu sagen!"

Die Wittwe umarmte die trostlose Burgfrau und fuhr fort:

Laß mich reden, Anna, ich darf Dir ja nichts verschweigen. Jörg gerieth in tür-kische Gefangenschaft!"

Gerechter Gott , dann ist er verloren!" schrie händeringend Agatha. Thränenbrachen aus ihren Augen und die Wittwe mußte ihre ganze Körperkraft aufbieten, umdie Burgfrau aufrecht zu erhalten. Sie lehnte das schöne Haupt derselben an ihre Brustund sprach selbst tief ergriffen:

Vertraue auf den Himmel, meine Freundin! Warum soll Jörg nicht mehr zurück-kehren? Sind ja auch Kreuzritter aus dem fernen Palästina und aus sarazenischer Ge-fangenschaft in die Heimath zurückgekommen. Dann wurden sicher in dem Kampfe ander Save auch türkische Edle von den Ungarn zu Gefangenen gemacht und werden danngegen Devise und ihre Kampfgenossen ausgewechselt, sohin in Freiheit gesetzt. Ich bitteDich, theure Agatha, gönne Deinem Schmerze nicht mehr Raum im Herzen, als demEottvertrauen! Ich will Dich nicht mehr verlassen, bis wir beruhigende Nachrichterhalten. Agnes gab ihr Wort, sogleich Kunde zu geben, wenn wieder Boten aus Ungarn zu Herzog Albrecht kommen. Also, Muth und Vertrauen zum Lenker unseres Geschickes!"

O, wie dank' ich Dir, Anna", sprach in Thränen die Waldeckerin,daß Du michnicht verlassen willst! Ich möchte um keinen Preis in dieser schweren Zeit Dein theil-nehmendes, tröstliches Wort entbehren."

Jetzt gehen wir zur Ruhe", sprach Anna, sich erhebend.Es -ist spät gewordenund ich sühle, daß mich die ungewohnte Fahrt in die Stadt und zurück, sowie der auf-regende Aufenthalt daselbst ermüdet und abspannt. Ich bin eben alt und gebrechlichgeworden, während das Herz trotz tiefer Schläge des Schicksals, ja vielleicht durchdieselben erst gestählt wurde. Nun, gute Nacht, mein Liebling!"

Sie erhob sich von ihrem Sitze, half dann der noch immer schluchzenden Agathaund rief nach den beiden Zofen, worauf sich die Frauen trennten.

(Fortsetzung folgt.)