Die Resultate der Ausgrabungen von Olympia.
II.
Die Richtung auf diese seitdem noch nie wieder erreichte Naturwahrhsit hin erhieltdie griechische Plastik durch jene Feste und Wettkämpfe — im Dienste des Cultusallein hätte sie ihr Ideal nie erreichen können. Dagegen bleibt die A r ch i t e kt ur langeZeit völlig abhängig von den sacralen Bedürfnissen; dem Tempel, welcher bei den Hellenennicht der Versammlungsvrt der Andächtigen, sondern lediglich die Wohnung der Götter«bllder war, aus rohen Anfängen allmählich jene höchste tektonische Vollendung zu geben,war das Bestreben, welches ganze Generationen von Architekten beseelt haben muß, Be->strebungen, deren letztes Glied allein wir mit dem äußeren Auge noch sehen können.
In der That sind von der Fest- und Culturstätte Olympia's sehr beträchtliche Ein-wirkungen auf alle Zweige der griechischen Kunstthätigkeit ausgegangen; aber auch anOrt und Stelle ist eine sehr erkennbare Arbeit im Dienste der Kunst entfaltet worden.Wenn nun diese Einwirkung des Heiligthums auf die Kunst von den frühesten Anfängender specifisch hellenischen Cultur beginnt und bis in die byzantinische Zeit hinein sichfortsetzt da erst die christlichen Kaiser die Festspiele verbieten; so ist es klar, daß dieHoffnung, dort noch beträchtliche Neste antiker Bild- und Bauwerke zu finden, keine allzukühne war. Konnte man auch an verschiedenen anderen Stellen der alten griechischenCulturwelt hoffen, bei etwaigen Ausgrabungen erhebliche Resultate zu erzielen, in Olympiawaren diese letzteren fast im Voraus garantirt. Denn zunächst stand die Lage der Altisvöllig fest; ferner war es so gut wie sicher, daß man nach Wegräumen des Schuttes dieAusdehnung des heiligen Haines, die Größe der Baulichkeiten, ihre Lage zu einanderwürde feststellen können. Deshalb drang besonders Ernst Curtius seit Jahren un-ermüdlich darauf, daß die Neichsregierung diese lohnende Aufgabe in die Hand nähme»Dies geschah denn endlich auch; die Verhandlungen mit der griechischen Regierung wurdenangeknüpft und nach einigen Zwischenfällen im athenischen Parlamente konnte der Ver-trag abgeschlossen werden, daß Deutschland alle Kosten und Mühen übernähme und nurdas Recht der ersten Abformungen erhielte» Griechenland blieb im Besitz aller Funde,nur etwaige Doubletten, auf welche von vorn herein wenig Aussicht war, sollten denDeutschen überlassen werden dürfen! — In der That konnte man den Vertrag als ei»Muster der Selbstlosigkeit von unserer Seite bezeichnen.
Im Oktober 1875 begann die Arbeit des Spatens. Die Hoffnungen» mit denendiese Campagne eröffnet wurde, erfüllten sich im Laufe der nächsten sechs Jahre sämmtlich,ja es wurden weit über diese Hoffnungen hinaus eine Reihe von Funden gemacht, welcheunsere Kenntniß der griechischen Kunstgeschichte ganz wesentlich erweitert haben. Es gibtkeine wichtige Periode der allen Kunst der classischen Völker, für welche in Olympia nichtetwas abgefallen wäre.
Um zuvörderst von der Architektur zu sprechen, so wissen wir daß die ältestearische Bevölkerung von Hellas, die Achäer und Pelasger, eine eigene Bauthätigkeit imhöheren Sinne nicht mit sich brachten; die Anregung hierzu ist ihnen von Osten durchBerührung mit den Phönicier», Egyptern und den kleinasiatischen Stämmen gekommen.In den Residenzen Affurs, in Egypten und den von ihnen abhängigen Landschaften wurdeder Süulenbau längst geübt, bevor die Hellenen sich ihn zögernd aneigneten. Was die-selben dann freilich aus diesen Anfängen zu n achen verstanden haben, ist ihr eigenstesWerk und größtes Verdienst. Das Problem für den Historiker liegt nun in der Frage,ob der älteste Tempelbau der Griechen aus Stein ausgeführt war, so wie wir ihnkennen, oder aber von Holz (mit Metallbeschlag) gewesen ist. Letzteres ist die Annahmedes geist- und kenntnißreichslen aller derer, die sich neuerdings mit griechischer Architektur-Geschichte befaßt haben, Gottfried Sempers « Derselbe vertritt mit vollster Ueber-zeugung die Ansicht, daß der Steinstil des griechischen Tempels nur aus einem voran-gegangenen Holzstil zu erklären ist. Nun ist es sicher, daß das älteste und ehrwürdigsteder Heiligthümer von Olympia, der Tempel der Hera, viele Absonderlichkeiten