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ausweist, welche darauf hinzudeuten scheinen, daß dieser Steinbau an Stelle eines früherenHolzbaues getreten ist und selbst noch hölzerne Bestandtheile hatte. Es ist nicht einStück drS Gebälkes in den Trümmern gefunden worden, was kaum als bloßer Zufallzu erklären sein würde» wenn das Gebälk aus Stein gewesen wäre. Das Verständnißfür die Entstehung des antiken Tempels ist uns durch die Entdeckung dieser Ruinewesentlich erleichtert worden.
Den Mittelpunkt der heiligen Stätte bildete natürlich der gewaltige Zen Stempel,ein mächtiger aus dem dort wachsenden Muschelkalk (Poros) aufgeführter Bau dorischenStiles, dessen Trümmer, so wie sie ein Erdbeben wild umhergeschleud-rt hat, dem Be-schauer noch jetzt imponiren müssen. Dieser Tempel barg das von Phidias angefertigteGold-Elfenbein-Bild des Gottes, die Bewunderung des gesammten Alterthums; —„wer dieses Werk geschaut, der könne nicht mehr ganz unglücklich sein!" Natürlich ist eSlängst zerstört, nicht einmal Nachbildungen sind uns erhalten; wohl aber haben sich vonden unter Leitung und zum Theil durch Schüler des Phidias ausgeführten marmornenTempelsculpturen dekorativen Charakters zahlreiche Neste gefunden. Die beiden Giebel-gruppen haben im wesentlichen wieder hergestellt werden können; es wird später nochdavon die Rede sein, in welcher Weise sie eine empfindliche Lücke in unserer Kenntnißder antiken Sculptur ausfüllen.
Englisches Kasernenleben in Kairo .
Wem es vergönnt gewesen ist, von der eisernen Brücke, welche in Ghezireh überden Nil geschlagen ist, einen Blick auf Kairo zu werten, dem bietet sich unstreitig eineder bemerkenswerthesten Aussichten auf jene lange Flucht von Bauwerken dar, welche denPalast und die Kasernen von Kasr el Nck zu einem großen Ganzen vereinigen.
Diese Gruppe von Gebäuden umfaßt zwei große Vierecke, welche sich im Westennach der Nilseite öffnen. Das südliche, der Brücke zunächst gelegene Carrä wird augen-blicklich von dem 74. Hochländer-Regiment, das nördliche von den 42er Königin Hoch-ländern bewohnt» letztere speziell unter dem Namen der „schwarzen Garde" bekannt.Diese beiden Regimenter nebst einer Genie-Kompagnie bilden die Garnison von Kasrel Nil.
Die weiten Zwischenräume, welche sich zwischen der großenkStraße und der östlichenHäuser-Fayade befinden, nehmen die Parkanlagen auf, an welche sich eine lange Reihevon einer Akazien-Allee eingeschlossener Stallungen anschließt, die zur Aufnahme derKavallerie bestimmt sind. So bietet Kasr el Nil im Augenblick ein lebhaftes militärischesBild dar.
Am Haupteingang, an der Wache vorüber, im ersten Häuscrviereck, befinden sichunter Sykomore» und Feigenbäumen die Küchen. Die Truppen haben sich hier bereitsvollkommen häuslich installirt und des Dienstes ewig gleichgestellte Uhr wird auch hierwie überall durch die Magenverhältnisss regulirt. Das muß man den Engländern lassen,ihre Truppen verpflegen sie brillant. Die dem Vegetarianismus par korco huldigendenEgypter sehen mit scheelen Blicken auf die Fleischmassen, die hier in die Kochkessel wandernund es läuft ihnen sicher das Wasser im Munde zusammen, wenn ihnen die kräftigenGerüche englischer Fleischspeisen in die Nase steigen.
Die englische Armee ist wohl am besten verpflegt von allen europäischen Armeen,wenigstens was die Menge und die Güte der Fleischportionen betrifft.
Alle zwei Tage haben die Leute Braten, die übrigen Tage gekochtes Fleisch undzwar in einer Brühe, die den meisten Hotelküchen, in denen allerlei Kinkerlitzchen fabrizirtwerde», unstreitig den Rang ablaufen würde.
Die Kochöfen sind aber auch in einer Weise praktisch eingerichtet, daß es geradezuunmöglich ist, etwas Schlechtes zu bereite», vorausgesetzt, daß das Fleisch rechtzeitig ge-schlachtet ist, denn die FeuerungSapparate sind auf daS Genaueste regulirt und die Oefen