Ausgabe 
(27.1.1883) 8
 
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eingeschlossen wurden. Dort nahm man ihnen die Rüstungen ab und ließ ihnen nurdas Hemd am Leibe.

Ritter Jörg lag. vom großen Blutverluste geschwächt, gemartert von den Schmerzen,welche die tiefe Wunde in der Brust verursachten, auf seinem mit faulendem Stroh ge-füllten Bette. An seinem Halse und an den Handgelenken waren Eisenringe befestigetund diese mit Ketten verbunden, so daß dem Armen nur wenig Bewegung gestattet war.Die Füße wurden durch zwei Oeffnungen in dem Fußbrette der Bettlade gezogen undwaren ebenfalls mit durch eine Kette verbundene Ringe gefesselt, so daß sich der Ge-fangene nicht ohne Hilfe eines Andern aus dem Bette entfernen konnte. Neben derBettlade stand auf einer Bank ein Krug mit Wasser, daneben lag ein erweichter Laibschwarzen, schimmligen Brodes.

Die Schwäche des Gefangenen hatte in Folge des Transportes und der rohenBehandlung während desselben, dann durch das Wundfieber derart zugenommen, daßderselbe häufig das Bewußtsein verloren. Wenn er dann wieder zur Besinnung kam,stöhnte er vor Schmerz, nahm das in's Hemd versteckte Amulet mit dem Bildnisse derschmerzhaften Gottesmutter, welches ihm Agatha mitgegeben hatte, hervor und führtedasselbe inbrünstig an seine zitternden, blaßen Lippen. Dann verbarg er es wieder sorg-fältig, denn es war nicht nur ein unendlich liebes, theures, sondern auch ein sehr werth-volles, kunstvoll gearbeitetes und gemaltes Kleinod.

Jetzt trat der Thurmwärter Ibrahim in den Kerker. Dieser, ein bejahrter, finstererMann, mit langem weißen Vollbarte, auf dem kahlen Haupte den schmutzigen rothenTurban. Dessen langer und weiter, farbiger Kastan war durch einen Gürtel um denLeib befestigt, in welche,» ein langer Dolch stack. Ibrahim brachte eine mit Wasser ge-füllte Schüssel, in der einige Blätter des Wunden-Krautes lagen, dann Leinwand stücke,um die Wunde des Gefangenen auszuwaschen und die Blätter einzulegen.

Die verwundeten christlichen Ritter suchte man schon um des Lösegeldes zu erhaltenund Ibrahim hatte sich in den vielen Jahren seiner Verwendung als Wärter der Ge-fängnißthürme durch Pflege der Verwundeten eine gewisse Fertigkeit in der Behandlungund Heilung von Wunden erworben. Das Alter hatte den sonst gefürchteten fanatischenMann umgewandelt und milder gestimmt. Körperliche Gebrechen, insbesondere Folgenvon früheren Verwundungen in den Kriegen unter Sultan Bijazet und seinem kühnenVorgänger Murad I. flößten ihm einiges Mitleiden mit den Gefangenen ein; doch hatteer für Keinen einen freundlichen Blick, einen Gruß.

Allmählig besserte sich der Zustand unsers Ritters, so daß er, nachdem Ibrahimdie Fnßsesseln gelöst hatte, mit Benützung zweier Stöcke einige Schritte in seinen: Kerkerzu gehen vermochte. Thränen füllten seine Augen, als er sich dem Fenster nahte, durchwelches eine erquickende Luft hereinströmte in das feuchte, dumpfe Gefängniß.

Eines Tages, nachdem Ritter Jörg schon einige Stunden außerhalb seines Lagerszubringen konnte, zog ivieder ein wohlthätiger Luftstrom in den Kerker. Draußen sangendie freien Vögel ihre Lieder und hie und da setzte sich ein Nothkelchen oder eine Schwalbeauf die Fensterbank zwischen den starken Gitterstangen und schauten den armen Gefangenenmitleidig an oder sangen und zwitscherte» ihm unverständliche Grüße oder Wünsche zu.Da zog dann ein namenloses Sehnen in des Ritters Herz, er faltete die Hände und zumtiefblauen Sominerhimmel hinaus blickend, rief er tief bewegt:

O Heimath! Meine theure Agatha! Wüßtest Du, was Dein treuer Jörggelitten hat und noch leibet und welches herbe, vielleicht schauerliche Loos ihm nochbevorstehen wird!" Nicht ohne Anstrengung kniete er dann nieder und indem zahl-reiche, heiße Thränen üder die blaßen, eingefallenen Wangen in den langen Bart rannen,betete er aus tiefstem Herzensgründe zu Gott um baldigen Tod oder um Rettung undErlösung, um glückliche Heimkehr zur trostlosen Gattin. Erleichterten Herzen erhob sichJörg mühsam von dem harten, feuchten Steinpflaster und gelobte, falls ihn der liebe