Ausgabe 
(27.1.1883) 8
 
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Gott glücklich zu den Seimgen gelangen lassen sollte, drei Kirchlein zu bauen, zu Ehren.Maria's der Mutter des Erlösers, St. Georgs und St. Agathens.

Wieder hatte der Ritter an einem Morgen auf seinem Lager sein Leben dem All-mächtigen empfohlen und für die treue Gattin gebetet. Noch waren die Augen miLThränen gefüllt, die Hände über der Brust gefaltet, als die Kerkerthüre geöffnet wurdeund statt des alten, schweigenden Ibrahim, ein weibliches Wesen im Gewände der tür-kischen Dienerinnen aus der Schwelle erschien.

Es war Selima, des Gefängnißmeisters vertraute Sklavin, welche, falls dieser er-krankte, die bessere» Gefangenen versorgen mußte. Sie hatte durch eine Thürspalte denBetenden beobachtet und als dieser sich bekreuzte, da trat auch in ihr Ange eine Thräne,die sie jedoch verwischte, ehe sie eintrat.

Des Mädchens ernste, doch wohlwollende Züge, ihr dunkles, (einstens wohl liebe»glühendes) Auge, die ganze Erscheinung flößte dem Ritter sofort Vertrauen ein.

Selima stellte die Schüssel mit der aus gekochtem Reis bestehenden Morgensuppeauf die Bank, nahm Brod und was Ritter Jörg noch niemals erhalten hatte, süßeSObst aus der Tasche und legte es neben die Schüssel, dann entfernte sie sich aus demKerker.

Hatte schon das inbrünstige Gebet heilenden Balsam in des Gefangenen wundesHerz geträufelt, so überkam ihn diesem Mädchen gegenüber ein beruhigendes Gefühl. Esthat ihm so wohl, statt des ernsten, schweigenden Ibrahim, ein wie es schien theilnehmendesWesen zu schauen. Wie der finstern, Grauen erregenden Nacht, der schöne, helle, hoff-,nungsvvlle Tag folgt, so freundlich erschien dem Ritter diese Frauengestalt gegenüber demdüsteren Gefängnißwärter.

Je öfter Selima in den Kerker trat, desto theiluehmender zeigte sie sich. Aber,wie schwer wurde es dem Gefangenen, welcher der türkischen Sprache unkundig war, sich.dem Mädchen verständlich zu machen! Da redete ihn Selima eines Tages in italie-nischer Sprache an. Welche Freude für den Armen! Jörg war als Schirmherr desChorherrnstiftes Schliers schon einigemale nach Südtirol, wo das Stift Weinberge besaß,gekommen und hatte von da aus Verwandte am Gardasee besucht, bei welchen er alsKnabe oft monatelang verweilen durste und dort die italienische Sprache erlernte. Nunkonnte er sich seiner wohlwollenden Wärterin verständlich machen, ihr sein Sehnen nachder treuen Agatha klagen und wenn das Mädchen ihm Muth und Ausdauer rieth undnur die leiseste Anspielung auf eine mögliche Rettung machte, da dankte der Ritter demAllmächtigen für diesen beseeligenden Hoffnungsstrahl.

Selima hatte bei dem so häufig von Gicht geplagten, an seine Wohnung gefesseltenIbrahim durchzusetzen gewußt, daß der von Blutverlust und Schmerzen so sehr geschwächteblonde Ritter den unter seinem Kerkerthurme befindlichen kleinen Garten des Wärtersbesuchen durfte. Ibrahim hatte dem Mädchen nur den Auftrag gegeben, dem Gefangenendie Fuß- und Handschellen nicht abzunehmen, damit ihm jede Hoffnung zur Flucht ge-nommen werde.

Da saß der dankbare Waldecker manche Stunde in der schattigen Weinlaube, welchem einer Ecke der Festungsmauer angelegt war. Von Zeit zu Zeit besuchte ihn Selimaund brachte, obwohl es ihr strenge untersagt war, ein Krüglein stärkenden Weines mit,welchen sie sich in der Stadt von Bekannten zu verschaffen wußte.

Die Pflege des geduldigen Ritters, der dem Mädchen für jede Gefälligkeit innigdankte, den sie häufig im frommen Gebete belauscht hatte, dessen Thränen ihrem gutenHerzen selbst bitteres Weh bereiteten, war ihr zur Lieblingsbeschäftigung geworden.>Gleichwohl sann sie auf die baldige Rettung und hoffte durch dieselbe, als die Befreiungeines Glaubensgenossen, die Gewissensbisse wegen ihres, freilich erznrungenen Uebsrtritteszum »lohamedanischen Glauben, zum Schweigen zu bringen.

Eines Nachmittags saß der Ritter wieder in der Weinlaube und blickte durch die