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schmale Oeffnung der Mauer hinaus in die blaue See, deren Rauschen den schwachenGefangenen so oft in kurzen, aber süßen Schlummer gewiegt hatte.
Träumend saß Jörg auf der Steinbank und dachte an die heimathliche Burg, anden kleinen Schliersee , — ein Tropfen Wasser gegen das nahe Meer —, dachte an Agatha!
Da nahte Selima und setzte sich neben dem Ritter zu dessen Füßen nieder.
„Selima!" sprach dieser, „Du versprachst mir wiederholt, Deine Lebensgeschichte zuerzählen. „Willst Du eS heute thun, ich sehne mich sie zu kennen!«
Selima antwortete:
„Wenn ich nicht wüßte, daß Du ein christlicher Ritter bist und, wenn mir nichtDeine thränenfeuchten Augen so oft gesagt Hütten, daß in Deiner Brust ein warmesHerz für Deine Heimath schlägt, ich würde die trübe Zeit nicht mehr in's Gedächtnißzurückrufen, die mich für immer von der unvergeßlichen Heimath, von, schönen Venedigtrennte! —«
„Also Venedig, das stolze, ist Deine Heimath!« rief der Ritter. „Dann warstDu eine Christin, Selime?«
„Ich war eine Christin!« erwiderte diese. „Höre weiter! Mein Vater war Kauf-mann und handelte in Seidenwaarren. Meine Mutter überlebte meine Geburt nurwenige Wochen. Ich erhielt in der Taufe den Namen Luzia. Zwölf Jahre durfte ichItaliens ewig blaue» Himmel schauen, der Heimath stärkende Meeresluft athmen undmit lieben Gespielinnen die Kinderjahre verträumen. —
Da mußte mein Vater eines Tages in Geschäften zu einem Freunde, welcher ineinem wenige Stunden entfernten Städtchen wohnte. Es war meine erste Reise. O, wiefreute ich mich, als wir in der Morgenblüthe durch einen kleinen, aber lieblichen Pinien-Hain, nahe am Meeresufer dahin fuhren. — Ich ahnte nicht, daß dieser Tag der trübste,der schmerzlichste meines Lebens werden sollte, daß ich in diesem Haine den theurenVater und die Freiheit verlieren würde!« —
Das Mädchen schwieg und trocknete die Thränen, welche ihren dunklen Augenentquollen. —
Der Ritter sah sie theilnehmend au, und seufzte:
„Arme Selime! So jung noch und Du mußtest schon so Bitteres erfahren!«
Diese fuhr fort:
„Nachdem der Vater seine Geschäfte beendet und eine ziemlich große Geldsummeeingenommen hatte, ließ er sich von dem Freunde bereden, die Rückfahrt nach Venedigwegen der großen Hitze auf den Abend zu verschieben. Es war schon ziemlich dunkel,als wir den Hain erreichten. Die Pferde mußten des ansteigenden Weges halber, imSchritte gehen. Plötzlich hörten wir einen schrillen Pfiff und gleich darauf eilten zweibewaffnete Männer auf unseren Wagen zu. —
Mein Vater griff nach seinem Dolch und wollte noch die in einer Tasche befind-liche Geldsumme verbergen, als er von rückwärts einen Dolchstich erhielt, auf welchen ersofort zusammensank und aus dem, Wagen taumelte. Ich schrie wild auf und sprangaus dem Wagen, um nach dem armen Vater zu sehen. Da hob mich einer der Räuberauf und trug mich an das nahe Meeresufer in ein kleines Schiff. Ich verlor nun dasBewußtsein!-
Als ich wieder zur Besinnung kam", fuhr Sekiine nach kurzer Pause fort, „befandich mich auf hoher See in einem Piratenschiffe, umgeben von wilden Gestalten. Ei»alter Mann mit wettergebräuntem Gesichte, aber gutmüthigem Ausdrucke tröstete mich,denn ich fühlte schreckliches Heimweh und Sehnen nach dem Vater und weinte bitterlich.Er gab mir zu Essen und zu Trinken und sagte mir, es werde mir da gewiß gefallen,wohin sie mich führen. Mir war's, als wären wir Monate gefahren, als wir an Inselnvorüber in die Mündung dieses Flusses, der Norenta, einbogen. Bald erblickte ich diefinsteren Thürme und Mauern über der Stadt und als mir der Alke — Stephanenannten ihn die Räuber — sagte, daß wir am Ziele der Fahrt seien, da überkam M