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Nr. 9
Mittwoch, 31. Januar
L883.
Jörg von Mrilderk.
Eine Erzählung aus dem fünfzehnten Jahrhundert von F. Schenk.
(Fortsetzung.)
V.
Es war um die fünfte Nachmittagsstunde des Laurenzitages. Ein wolkenloserHimmel wölbte sich über dem schönen Schliersthale und spiegelte sich und die malerischenBerge und Wälder in der klaren Seefläche.
In der schattigen Laube des Jägerhauses auf der Halbinsel saßen vier Personen.Frau Agatha von Waldeck, die edle Wittwe von Pienzenau, Pater Raimund von Schliersund Probst Christian von Weyarn, welcher zur Erhöhung der heutigen Kirchenfeierlichkeitin Schliers eingetroffen und in der Waldecker Burg zu Gast geladen war.
Nachmittags begleiteten die Geistlichen die Herrschaften auf die Halbinsel, wo die-selben mit Wein und kaltem Wildpret bewirthet wurden, während die Frauen ihren ge-wöhnlichen Nachmittagsimbiß, kalte Milch, zu sich nahmen.
Pater Raimund hatte von dem im Jahre 1346 stattgehabten Brande des Stifts-gebäudes und der Kirche zu Schliers erzählt. Da gedachte der Weyarner Probst derVerdienste des verlebten Ritters Georg von Waldeck für sein Stift und betonte, daßWeyarn seinen Bemühungen und seinem hohen Ansehen die Einverleibung der PfarreiNeukirchen zum Stifte Weyarn zu danken habe, denn das Kloster sei in Folge vonBrandunglücken gänzlich verarmt.
„O, erzählet doch!" bat Agatha. „Ich höre gerne von dem seligen Schwieger-vater. Er war ein treuer, gewissenhafter Schirmherr ves hiesigen Stiftes, ein Freundder armen Klöster und ein thätiger Verehrer seines heiligen Namenspatrons, denn ihmzu Ehren erbaute er um 1350 das Kirchlein auf dem Weinberge, wo ich oft für seinSeelenheil mit meinem armen Jörg betete. — Noch jetzt ist mir das stille Gotteshausein Lieblingsaufcnthalt, den ich niemals ohne Trost und Hoffnung verlasseI" —
Probst Christian begann nach einer kleinen Pause:
„Ich muß um Nachsicht bitten, wenn ich eines wichtigen Ereignisses wegen, in meinerErzählung in die Zeit des ersten Brandes in Weyarn zurückkomme. Die Folgen desersten Brandes sind ja die Ursache des völligen Zusammensturzes der Klostermauern beidem zweiten Brande und der gänzlichen Verarmung des Stiftes, welcher nur durchEinverleibung einer größeren Pfarrei einigermaßen entgegengetreten werden konnte.
Es war im Herbste des Jahres 1236 als in dem nördlichen Flügel des Convent-gebäudes Feuer ausbrach und den größten Theil des Klosters zerstörte. Die Umfassungs-mauern bestanden aus Kalktuff aus dem nahen Mühlthale, welches durch die große Hitze,wie in einem Ofen gebrannt wurde und seine Tragfähigkeit einbüßte. Dennoch setzte manspäter die neuen Umfassungswände der zerstörten oberen Gaben auf dieses Mauerwerk,ein Fehler, der sich 114 Jahre später unter Probst Albertus schrecklich rächte.