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Hierüber erzählt uns 'Probst Heinrich, der Nachfolger des unglücklichen Albert,'Folgendes:
Albert, ein frommer und gelehrter Chorherr, war im Jahre 1350 nach Conrad II ,Tode von seinen Mitbrüdern zum Probst gewählt worden und erwarb sich in kurzer Zeitdurch strenge Nechtlichkeit und sein versöhnendes Wesen die Liebe und Achtung seinerUntergebenen.
Albert lebte, wie als Chorherr, so als Probst zurückgezogen, meist in seiner Zellemit Arbeiten oder Studien beschäftigt, wenn ihn nicht seine Pflicht zu den Brudern rief.Oftmals saß er am offenen Fenster und schaute sinnend hinab in das malerische Thal,welches dir grüne Mangfall im raschen Laufe durchströmt; sah hinüber auf die bewaldetensteilen Uferhänge und Höhen,' oder hinab nach Nordost, wo die Zinnen der Burg deswilden Kunz von Darchingen trotzig über die Wipfel der Tannen und Buchen hervorlugten.
An einem Herbstabende desselben Jahres saßen der Probst und Pater Dominikusder Kastner im eifrigen Geschäflsgespräche in des Ersteren Zelle. Der Wind, welcherden Tag über von Westen her geweht und die welken Blätter der Eschen, Ulmen undwilden Kastanienbäums an der Fronte des Conventgebäudes von den Aesten getriebenhatte, steigerte sich allmülig und wuchs endlich zum heftigsten Orkan an. Da vernahmman plötzlich den Ruf: „Feuer!" —
Die beiden Mönche erhoben sich rasch von ihren Sitzen und eilten der zum Corridorführenden Thüre zu, als diese durch den Frater Pförtner rasch geöffnet wurde.
„Der Nefektoriumstock und die Bibliothek brennen!" rief der bestürzte Frater.
Der Probst eilte den Corridor entlang und rief: „Vrüder, helft! rettet die Urkunden,bringt die Kirchenschätze in Sicherheit!"
Die Chorherrn waren aus ihren Zellen herbeigeeilt und folgten rasch den Befehlenihres Oberen, doch vergebens! — Die hölzernen Bedachungen der Neben- und Rück-gebäude, ja selbst das Kirchenbuch, waren durch die vom Sturme getriebenen brennendenSchindeln des Nefektoriumstockes, rasch in Brand gerathen. Uebcrdieß war an ein Löschenund Netten nicht zu denken, denn bei jedem heftigen Anpralle des Sturmes stürztenMassen von Umfassungswänden ein, so daß sich Niemand ohne Lebensgefahr den brennendenTheilen nähern konnte.
Die Chorherren suchten in entfernteren Hütten und Häusern Schutz. Nur ProbstAlbert rannte, einem Wahnsinnigen gleich, im äußeren Klosterhofe umher. Vergebenssuchte ihn Pater Dominikus von dieser, durch den Brand des Kirchendaches immergefährlicher werdenden Stelle zu entferne». — Da brach der Dachstuhl der Kirche zu-sammen und durchschlug das Gewölbe. Eine mächtige Feuersäule stieg zum Himmel,wurde aber sofort vom Sturme ostwärts gegen das Haus des Hofwirthes getrieben.
Probst Albert sank, wie ohnmächtig zusammen. Man brachte ihn sofort in Sicher»heit, aber kaum hatte sich der Arme erholt, stürmte er wieder dem brennenden Kloster zu.
Gegen Morgen des nächsten Ta.geS ließ der Sturm nach und die aufgehendeSonne beleuchtete einen rauchenden Trümmerhaufen, — die Neste des Chorherren-StiftesWeyarn . — Probst Albert war verschwunden und selbst die sorgfältigsten Nachgrabungenin dem Steinschutte führten zu keinem Nesultate, den Unglücklichen aufzufinden." — —
„Schrecklich!" — So rief nach einer Pause Anna von Pienzenau.
Frau Agatha fragte: „Hat man denn gar nichts mehr von dem Aermsten gehört?"
„Nichts mehr!" antwortete ernst der Probst.-
Nach einer peinlichen Pause, während welcher die Sämmtlichen in Wehmuth desarmen Albert gedachten, fuhr der Chorherr von Weyarn fort:
Mit Hilfe der Angehörigen und Lehensleute des Klosters wurde wenigstens derConvcntstock sogleich in bewohnbaren Stand gesetzt. Inzwischen thaten edle Wohlthäterihr Möglichstes, durch Geld und Materialsendungen die Mittel zur Wiederherstellung derKirckie -u beschaffen. Einer der größten Wohlthäter war Georg von Waldeck, dem Gottgnädig seil —