thuung, dicke Bücher zu schreiben, deren Autor die Melodie verketzert, weil sie ihm untreugeworden . . . Flotow ist nicht blos in seiner musikalischen, sondern auch in seinerpersönlichen Erscheinung den Wienern wohluertraut; er weilte mit Vorliebe unter unsund hatte viele Jahre ein ländliches Vesitzthum bei Neichenau, das ein Sammelpunkt derWiener Kunstkreise war und später in das Eigenthum der Familie Erlanger, mit welcherer die sreundschaftlichsten Beziehungen unterhielt, überging. Er war ein geborener Mecklen-burger und hat am 27. April 18 l2 in Nentendorf auf dein Ritterguts seiner Familiedas Licht der Welt erblickt. Sein Vater hatte den Sohn für die diplomatische Carrierebestimmt, doch zog es schon den Jüngling zur Musik hin, und das reiche Kunstleben inParis , das er frühzeitig kennen lernte, bestärkte ihn nur in seiner Neigung. SeineJugendopern verriethen schon das graziöse Talent Flotow's, und mit der vieractigenGenre-Oper: rmukigAv clo la. ALcluso", von welcher er drei Acte schrieb, da Piloty
nur einen Act componirt hatte, machte er den ersten großen Treffer auf der Bühne; sieerlebte in den Jahren 1839 und 1840 mehr als fünfzig Aufführungen.
Wir übergehen in dieser flüchtigen Skizze einige andere Werke Flotow's , um von„Stradella" zu spreche», welche Oper zuerst in Paris aufgeführt wurde und Anfangsder Vierziger-Jahre von hier ihren Triumphzug über alle europäischen Bühnen antrat.Dann folgte „Martha, oder: Der Markt zu Richmond", deren Handlung Flotow schonfrüher in einem Ballet: „Lady Harrtet", das er musikalisch illustriren geholfen, vorge-funden hatte. Die komische Oper „Martha " errang eine beispiellose Popularität; ihreMelodien wurden zu Volksliedern, und es gibt keine Opernbühne der Welt, welche nichtheute noch dieses liebenswürdig heitere Werk als Repertoirestück pflegt, das in pikanter,feiner Darstellung noch durch Decennien seine Schuldigkeit thun mag, vorausgesetzt, daßunsere Generation inzwischen über der gähnenden Leere mancher hochtrabenden Werkenicht schon längst eingeschlafen sein wird . . . Flotow hat später noch eine Reihe vonromantischen und lyrischen Opern geschrieben ohne damit seine ersten Schöpfungen anFrische und Unmittelbarkeit zu erreichen; sein „Schatten" („I/ombrv«) hat in der PariserOpera Comique im Jahre 1669 sehr gefallen; auf deutschen Bühnen hat sich das Werknicht halten können.
Im Jahre 1896 wurde Flotow zum Intendanten des Hoftheaters zu Schwerin er-nannt, welches Amt er bis zum Jahre 1863 mit großer Umsicht führte. Dann zog esihn wieder nach Paris , wo er einen großen Theil seiner letzten Lebensjahre verbrachte.Bei zunehmendem Alter verlor Flotow das Sehvermögen, und als er die verflossenenMonate bei seiner greisen Schwester in Darmstadt zubrachte, war ihm der Segen desAugenlichtes fast ganz versagt. In Wien haben wir Flotow erst im vorigen Jahrs ge-sehen, als man die 900. Aufführung der „Martha " festlich in der Hofoper beging. Derstattliche elegante Mann mit dem lebensfrohen Gesichte, aus welchem ein Paar freund-licher Augen strahlte, saß bei dieser kleinen musikalischen Feierlichkeit in der Loge desGeneral-Intendanten Baron Hofmann, und der Greis lächelte still vor sich hin, währendvon da unten die bald übermüthigen, bald gefühlvollen Melodien aus seiner Jugendzeitheranfklangen und ihn wie anmuthige Genien aus der Vergangenheit umschwebten . . .Bis zu seinem Lebensende hat Flotow dem Dränge musikalischer Production nicht wider-stehen können, und wollte sich kein größeres Werk gestalten, so strömte er seine Empfindungin Liedern aus. Er hat erst jüngst einige Romanzen componirt, welche er seiner Frau,die, wenn ivir nicht irren, einst dein Theater angehörte, gewidmet hat. Im NachlasseFlotow's soll sich übrigens noch manches unbekannte Tonstück und unter Andern: aucheine unvollendete Oper vorfinden. Flotow hinterläßt außer seiner Wittwe einen Sohnund eine Tochter. Wenn er Memoiren hinterlassen hat, so werde» sie ein anziehendesBild seiner vielen Beziehungen zu interessanten Persönlichkeiten geben. Vor Kurzem ersthat Flotow , welcher eine gewandte Feder führte, in einem deutschen Blatte heitere Er-innerungen aus seinem Pariser Aufenthalte während der Fünfziger-Jahre veröffentlicht.