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und Aufschwung kam; es etablirte sich sogar eine Art von „Schönbart-Verein", bestehendzuweilen aus mehr denn 100 Mitgliedern, dessen Vorsteher und Leiter wohlangeseheneMänner waren, welche auch die „Schönbartbücher" zu führen hatten.
Die alljährliche Maskerade nebst den, Aufzug dieser Fastnachts-Lustbarkeit geschahin vorgeschriebener Weise. Einige Narrcn-Masken eröffneten den Zug, das heißt, sieliefen voran, und machten, mit Peitschen oder Kaulen bewaffnet, demselben Platz. —Unmittelbar darauf folgte zu Pferd ein anderer als Narr Vermummter, der einen Sack,gefüllt mit Nüssen bei sich führte, dessen Inhalt er unter die schaulustige Jugend leerte,in Folge dessen natürlich ein gar lustiges Gerauf entstand. Ein anderer Maskirter —ebenfalls zu Pferd — folgte nun, mit einem Korbe voll von Eiern, deren Füllung auswohlriechendem Rosenwasser bestand, und die er nach den Vertreterinnen des schönenGeschlechtes warf, wo dasselbe sich auf der Straße oder in den Häusern erblicken ließ.Dann erst erschienen die wirklichen „Schönbartleute", nebst Hauptleuten, Schutzhalternund Musikanten. — Ihr Anzug war in jedem Jahre anders, aber gleiche Tracht füralle; nur hie und da zeigte irgend eine absonderliche Maske, zur Erhöhung der all-gemeinen Heiterkeit, sich dazwischen, z. B. ein mit Kastanien dekorirtes Jndianerweib,natürlich von einem Manne dargestellt, oder ein Anderer als Wolf vermummt u. s. w.Von anno 1470 an beschloß den Zug eine sogenannte „Hölle", entweder von Menschenoder von Pferden gezogen, und bestehend aus einem Schloß, Schiff, Thurm, einer Wind-mühle oder einem Drachen, oder aus einem Teufel, welcher böse Weiber verspeist u. s. w»,und deren Inhalt aus einem Feuerwerk bestand, das Abends dann feierlich vor demNaihhaus abgebrannt wurde. — War es gerade eine „weiße" Fastnacht, so gab's auchSchlittenfahrt beim „Schönbartlaufen", mit allerlei verschiedenen Masken, Musikantenund Gewappneten im Harnisch, welche eine Art von Turnier zum Besten gaben, indemsie mit ihren Lanzen sich auszustechen suchten — man hieß dies das „Gesellenstechsn."
Während der Jahre 1524 bis 1538, also volle 15 Jahre, unterblieb dann wegenKriegs- und anderer Noth das „Schönbartlaufen", um im Jahre 1539 dann noch ein-mal, und zwar mit größerm Pomp als je, gefeiert zu werden. HanS Sachs dichtete,184 Herren von Avel halfen den Zug verherrlichen, — 135 vollständig in Atlaskostümirt, mit weißen Hüten und goldenen Flügeln darauf, und die klebrigen 49 alsTeufel maskirt. Außerdem belheiligten sich viele Bürger, und eine reiche Kaufmanns-familie veranstaltete ein Schlittsnstechen.
Dieser Glanz aber sollte das letzte Aufleuchten bedeuten, denn es war zum letztenMale, daß damals das „Schönbartlaufen" in Scene ging, wiewohl Niemand von derganzen, lustigen Gesellschaft eine Ahnung davon hatte, — und zwar trug die „Hölle",die auch bei dem damaligen prächtige» Aufzuge nicht fehlen durfte, die Schuld. — Manhatte dieselbe nämlich zu einer Art Demonstration gegen eine beliebte, angesehene Persön-lichkeit benützt, welche sich durch die unzweideutige Anspielung so beleidigt fühlte, daß sieKlage beim Magistrat erhob. Die Folge davon war, daß die Hauptleute der „Schön-bartgesellschaft" in den Thurm geworfen, das „Schönbartlaufen" selbst aber ein für alleMal verboten und abgeschafft wurde.
Eine andere alte Sitte in Deutschland , welche trotz aller Lustigkeit auch argeSchattenseiten im Gefolge führte, war die des sogenannten „Pflugcinspannens" zu Leipzig .— Allerlei vermummte Gestalten zogen zur Fastnachtszeit mit einem Pfluge durch dieStadt, ergriffen noch alle ledigen Mädchen —> ob jung, ob alt — wo sie solche fanden,um sie^an den Pflug zu spannen, angeblich „zur Strafe dafür, daß sie noch ledig seien."Diese Sitte, beziehungsweise Unsitte gab einmal Veranlassung zu einem sehr tragischenAusgang. Es war im letzten Jahr des l5. Jahrhunderts, rrnno 1499, als ein Mas-kirter ein Mädchen, das sich arg dagegen sträubte und sich in ein Haus geflüchtet hatte,trotzdem an den Pflug spannen wollte. Sie aber wehrte sich energisch, und erstach ihndabei mit einem Messer. AIs Rechtfertigung gab die unfreiwillige Verbrecherin dann