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Schwiegersohn erhalten, die ich hegen und pflegen will, wie meine leibliche Mutter bis ,an's Ende!"
In den Augen der Alten glänzte eine Thräne, als sie antwortete: „O, wenn dasder selige Vater wüßte!" — Kommt her, Kinder, laßt Euch segnen!" —
Die Beiden knieten nieder. Martha legte ihre Hände auf die Häupter der Liebende»und sprach andächtig:
„Gott segne Euch mit seiner unendlichen Liebe, für und für!" ^
Nachdem sich die jungen Leute erhoben hatten, gewahrte die Alte, daß die Herr- »'schaften die Laube verlassen hatten und dem Jägerhause zuschritte». Sie eilte mit derTochter denselben entgegen.
V.
Einige Tage später, an St. Johanni-Enthauptung zog nach einem sehr schwülenNachmittag und Abend in der Nacht ein Gewitter von »»gemeiner Heftigkeit über dieGindelalpe in's Schliersthal und gegen den Wendelstein . Der Sturm peitschte Wogeauf Woge weit über das östliche Ufer hin und auf den nach Fischbachau führendenSaumweg. Die alten Tannen um die Burgruine Hohenwaldeck ächzten, als ob sie seitJahren kein so heftiger Sturm geschüttelt habe und mancher massige Stamm wurde mitden Wurzeln aus dem Boden gerissen und stürzte krachend in die Tiefe.
Im Dorfe waren die Schläfer vom Lager aufgesprungen, denn der Sturm hatteviele Legschindeldächer abgedeckt und trieb die Schindel dem Schliersberg zu. Blitz folgteauf Blitz und das Brüllen des Donners schien nimmer enden zu wollen. Auch auf derWaldecker Burg war Alles wach und sah voll Bangens der Wirkung dieses heftigenSturmes entgegen.
Nur aus dem altersgrauen Thurme von Hohenwaldeck erscholl von Zeit zu Zeit,wenn das Getöse des Donners einen Augenblick schwieg, ein heiseres Gelächter. Dieeiserne Thüre der Thorwartstube stand offen, fr baß man in das Innere blicken konnte.
Da hockte der Waldteufel am baufälligen Herde, auf welchem ein Kohlenfeuer brannte.
Ueber dem Feuer stand ein eiserner Dreifuß, welcher eine Pfanne trug, in der eine bräun-liche Masse kochte, welche der Alte von Zeit zu Zeit mit einen, eisernen Lössel umrührte.
So oft er dieser Masse aus einem Kruge eine Flüssigkeit zusetzte, sprühte eine gelbeFlamme auf und Andreas begleitete diese Erscheinung jedesmal mit seinem unheimliche»Gelächter.
Zuweilen trat er unter die Thüre, als müsse er frische Luft athmen, dann rief erden Blitzen entgegen:
„Traut Ihr Euch nicht hinein zum Waldteufel? — Oder bin ich Euch zu schlecht?
— Muß ich etwa noch Einen auf das Gewissen nehmen? — Habt Ihr nicht genug mitdem Fischerbuben?" —
Darauf ging er wieder in die Stube zurück, nahm die Pfanne vom Herbe und ^brachte sie dann in's Freie zum Abkühlen. Indem er dieselbe auf eine Steinplatte stellte, ^sagte er:
„Wenn der die Wundsalbe nicht hilft, dann hilft Nichts mehr! — Johanni's Ent-hauptung und eine fürchterliche Gewitternacht ohne Regen! — Mehr, Andres kannst dunicht verlangen!—"
Der Alte setzte sich hierauf an der vom Sturme geschützten Ostseite des Thurmesauf einen bemoosten Stein. Allmählig klärte sich im Westen der Himmel und gegenMitternacht zertheilte der Mond das schwarze Gewölks.
Andreas war eingeschlummert.-
An eben diesem Tage, Johannes Enthauptung, hatte Jäger Kuno Mittags dasJägerhaus verlassen, da ihm Nachricht gebracht worden war, daß ein Wolf in der Näheder Valepp-Alpe ein Schaf zerrissen habe und vaß derselbe, verfolgt, dem Spitzingsee ^
zugelaufen sei. Kuno nahm des verstorbenen Jägers Wolfshund mit sich und ging direkt k
auf die Sxitzingalpe, wo ihm der Hüterknecht, welcher von dem Vorgefallenen bereits