Ausgabe 
(3.2.1883) 10
 
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Kenntniß hatte, sagte, daß die Heerde wohl bewacht würde und bis jetzt keine Gefahrsich gezeigt habe. Darauf entfernte sich Kuno und schlug den-Weg gegen Valepp ein,in der Erwartung, der Hund werde, wenn der Wolf wirklich gegen den See herauf sichgeflüchtet haben sollte, Wind von demselben bekommen. Er sollte sich nicht täuschen!

Der Hund schnupperte, während beide den Seebach abwärts schritten, vorsichtig am^ Boden. In der Nähe der Nichternlpe verließ er plötzlich den Weg, watete durch den

* Bach, suchte am andern Ufer auf- und abwärts und wandte sich dann rasch gegen den

> Stolzeneckkopf. Kuno folgte, so rasch er vermochte, denn die ungewöhnliche Hitze und

der fünfstündige Marsch hatten den sonst kräftigen Jäger doch etwas ermüdet.

Immer eifriger schnupperte der Hund, bald links, bald rechts ausbiegend, immerhoher steigend; dann schien er in einem Graben die sichere Fährte des Wolfes gefundenzu haben, denn er wedelte nun lebhaft mit dem Schweife und sah von Zeit zu Zeitzurück, ob der Herr ihm auch zu folgen vermöge. Unter einer Felswand an welcher sichLegföhren hinaufzogen, gab der Hund Laut. Kuno nahm die Armbrust von der Schulter,legte den Pfeil auf und folgte vorsichtig seinem kundigen Führer, der jetzt auf einFöhrengestrüppe zustürzte. Aus diesem brach sofort ein alter Wolf hervor; doch ehe derHund sich auf diesen werfen konnte, durchbohrte ihn schon des Jägers Pfeil, so daß derWolf sofort zusammenstürzte und bald darauf endete.

Inzwischen war die Nacht eingebrochen. Kuno weidete den Wolf aus und ludihn auf seine Schultern. Er wollte einen näheren Weg gegen die Spitzingalpe ein-schlagen, wurde aber von dem Gewitter überrascht, von dessen Herannahen Kuno keineAhnung hatte.

Rings um ihn krachten die Bäume, stürzten Neste zu Boden, lösten sich Steinevon den Felsen und polterten in mächtigen Sprüngen in die Tiefe. Da riß der Orkaneine alte, morsche Fichte unmittelbar vor dem Jäger zu Boden und diese siel so unglück-lich, daß ein Ast derselben gegen den rechten Unterfuß Kuno's schlug und den Knöchelderart verletzte, daß kein Wciterschreiten mehr möglich war, Bekümmert und voll Schmerzließ sich Kuno auf der Stelle nieder. Als er den schweren Schuh auszog, war der Fußvon Blut überrennen, das der treue Hund sodann aufleckte.

Der arme Jäger war nicht im Stande zu einem, unterhalb seinem Lager befind-lichen Büchlein zu gelangen, um seine Schmerzen in der kalten Fluth zu stillen und dieGeschwulst zu dämmen. Es blieb ihm nichts übrig, als das wenige Moos auf seinemRuheplätze zur Kühlung auf die brennende Wunde zu legen. Dabei litt er unsäglichenDurst und Hunger, da er außer seiner Morgensuppe den ganzen Tag nichts mehr ge-nossen hatte.

Endlich legte sich der Sturm, der Mond brach sich Bahn durch das Gewölks. Da^ rief Kuno um Hilfe, aber vergebens, er vernahm nur das Echo seiner Rufe. Vielleicht

U daß von den wenigen Alpenbewohnern doch Einer nach diesem so heftigen Sturme die

^ schützende Hütte verlassen und sich nach dem Vieh umsehen und seinen Ruf vernehmen

würde! Auch könnte Jemand Schutz während des Orkans in einer der Alphütten gesuchthaben und nun den Heimweg antreten! Vergebens horchte der arme Jäger, dann sah ertrostlos dem anbrechenden Morgen entgegen, da die Rettung aus dieser unheimlichenLage immer unwahrscheinlicher wurde, der Schmerz aber wie die Geschwulst des Fußesmehr und mehr zunahmen.

In Folge der Ermattung war Kuno eingeschlummert. Als er erwachte, war esbereits hell und über seiner Unglücksstelle wölbte sich der blaue klare Himmel. NeueHoffnung beseelte den Armen, denn es war ja möglich, daß der Senne der Valeppalpemit Schmalz und Butter nach Schliers gehen werde. Er ließ deshalb von Zeit zu Zeit^ seine Hilferufe ertönen, so weit es die abnehmenden Kräfte gestatteten. Aber wieder

l hörte er Nichts, als das Echo seiner immer schwächer werdenden Rufe.

Aber an eines Menschen Ohr war sein letzter Schrei doch gedrungen, an dasdes Waldteufels. Dieser hatte ungefähr eine Stunde auf dem bemoosten Steine am