Ausgabe 
(3.2.1883) 10
 
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Thurme geruht, als er erwachte und sich nach seiner Salbe umsah. Diese war in derPfanne so weit abgekühlt, daß er sie in schmale Streifen schneiden und herausnehmenkonnte. Er brachte dieselben in's Verließ hinunter» dann nahm er die Kraxe und denBergstock und stieg in'S Thal hinab, von wo er sich gegen die Hachau wandte.

Es trieb nämlich den Kräutersammler die Besorgnis;, es möchte seine junge Pflan-zung von Heilkrüutern, welche er an der Sonnseite des Stolzeneckkopses angelegt hatte,durch abstürzende Steine beschädigt worden sein, so rasch als möglich dahin. Als erdieselbe unversehrt gefunden hatte, stieg er gegen den Seebach hinab, da vernahm erplötzlich einen schwachen Hilferuf. Vorsichtig sah er sich um und ging in der Richtung,von welcher er den Ruf vernommen zu haben glaubte abwärts, wobei er sich mühsamdurch Legföhren Bahn brechen mußte. Da gab der Wolfshund unmittelbar unter ihmLaut. Andres blieb stehen, er kannte des Waldeckers Wolfshund am Gebelle. Als erzwischen Latschenzweigen abwärts schaute, erblickte er den Jäger Kuno am Boden sitzend.Die mächtige vor demselben liegende Tanne, wie das umliegende Steingerölle, ließen ihnsofort erkennen, daß dein Jäger ein bedenklicher Unfall begegnet sein müsse.

Während Andres hinuntersah, hatten ihn die scharfen Augen des Hundes erspäht,der nun rasch emporsprang und ihn wedelnd beschnuppte, dann aber wieder zu seinemHerrn hinabeilte, als wolle er ihm verkünden, daß Rettung nahe.

Andres legte seine Kraxe ab und setzte sich neben den Latschen auf einen Stein.

Nun begann der Kampf seines guten Engels mit dem bösen Geists. Andres sprach

mit sich:

Jetzt hab' ich einmal einen Waldecker in meiner Gewalt und kann mich endlich

dafür rächen, daß sie den armen Andres fortgejagt haben in's Elend! Freilich sollte

es ein Anderer sein, als der braven Martha ihr Schatz; aber ich habe ja auch meinLiebstes, meine Mechtild verlieren müssen!"

Andres sah wieder hinab zu dem Verwundeten, dann fuhr er wieder in seinemSelbstgespräche fort:

Wenn ich fortgehe und laß den Jäger liegen, nachher muß er verhungern, ichaber habe keinen Mord auf meinem Gewissen! Zum Teufel auch was ist das?Muß das Gerippe des Fischersbuben alle Augenblick vor mir stehen und mir droh'n!"

Da sprang der Hund wieder herauf, leckte dem Andres die Hände, als bäte er umGotteswillsn zu dem armen Herrn hinabzueilen. Andres streichelte den Hund und sagtenach einer Weile:

Du bist nur ein Thier und möchtest deinem Herrn helfen und ich bin ein Mensch,ein Christ, schau immer da hinunter, statt dem armen Menschen zu helfen! Schau,so weit ist es mit dir gekommen, Andres, daß ein Vieh dich aufmerksam machen muß,was deine Pflicht ist als Christ! Willst gar herzloser sein, als der unvernünftigeHund da?" Nasch erhob er sich und rief mit lauter Stimme hinunter:

Kuno! der Andres kommt schon!"

(Fortsetzung folgt.)

GoldkSrner.

Dem Scheidenden wird jede Gabe werth.

So wird ein Nichts zum höchsten Schatz verwandelt. Goethe.

So Mancher klagt und sagt, daß ihn die Welt verkennt,

Doch kann er jagen wohl, daß er sich selber kennt? R n ck e r t.

Hab ich des Menschen Kern erst untersucht,

So weiß ich auch sein Wollen und sein Handeln. Schille r.

Pje viel mehr kostet die fremde Meinung uns täglich Geld und Sünde, als die eigene.

Jean Paul .