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Zur Geschichte des Augsburger Theaters.
Bon Klara Reichn er.
I.
Der Meistersinger-Stadel.
* ES ist schon lange her. seit in der alten Reichsstadt zum ersten Mal Komödiegespielt ward, schon sehr lange, und zwar geschah dies dazuinnls und später auf eine vonheute so verschiedenen Weise, daß es wohl werth sein dürfte, diesem Lebenslauf undEntwickelungsgang einige nähere Betrachtung zuzuwenden.
Die ersten theatralischen Darstellungen in Augsburg , von denen Genaueres bekanntist, datiren zurück bis in's Mittelalter, der damaligen Sitte folgend, bei Gelegenheit vonkirchlichen Festen und von Gastmählern allerlei Aufführungen zu veranstalten; ebensofanden in den Klosterschnlcn theatralische Spiele statt. Auch scheinen bereits im 13. und14. Jahrhundert wandernde Truppen sich in Augsburg prvducirt zu haben, und zwardurch Ausführung geistlicher Schauspiele, Scenen aus der biblischen Geschichte, sowie vonSittensprüchen und Sprichwörtern. — Ebenfalls seit dem 13. Jahrhundert stammt dieSitte der „Zwischenspiele" bei fürstlichen Gastmählern, welche durch vielen Glanz sichauszeichneten; zwischen den einzelnen Gängen der Tafel wurde gesungen, deklamirt, ge-tanzt, und dazu allerlei Maschineriswerk in Bewegung gesetzt: wandelnde Thiere, sichverwandelnde Burgen u. s. w.
Im 15. Jahrhundert kamen dann die sogenannten „Bauernspiels" in Mode, welchegrvßicntheils Satpren und Parodien auf Quacksalbereien, Pantoffelregiment, Prozsssirenund andere zeitgemäße Dinge zur Darstellung brachten. Allerdings scheinen diese Vauern-spiele nicht gerade das Renommee besessen zu haben, veredelnd auf die Zuhörerschafteinzuwirken, wenigstens kam es wiederholt vor, daß die Bischöfe auf den Stznoden eigensden Besuch solcher Komödien den Geistlichen verboten.
Außerdem brachte das 15. Jahrhundert einen Augsburger Dramatiker hervor, dennes war im Jahre 1497, als: „I. G. Bayer'S äußerst nützliche Komödien, welche dieganze Zierlichkeit lateinischer Rede enthalten", in Augsburg im Drucke erschienen, undvon den Knaben der Patrizierfanwicn aufgeführt wurdeu. Ueberhaupt gebot es diedamals herrschende Mode, den Plauius und Tercuz möglichst zu kultiviren, und derenStücke zu übersetzen, und so finden sich auch zu Anfang des 16. Jahrhunderts mehrereAugsburger, welche diesem Zeitgebranchs» lateinische Komödien zu verdeutschen, folgten.
Erwähnenswcrth aus dem 15. und 16. Jahrhundert sind auch noch die „Fastnachts-spiele ", schon deshalb besonders erwähnenswerth, weil gerade sie ein recht süddeutschesElement, von Lolksgeist getragen, repräsentiren, und weil sie außerdem — besonders im1V. Jahrhundert — als weltliche Schauspiele sich von den geistlichen unterschieden. —>Erst im 17. Jahrhundert hörten diese Fastnachtsspiele in Augsburg auf, welche dadurchentstanden waren, daß im Fasching allerlei Masken in der Stadt umherzogen, die durchMummenscherz und Schwanke die Leute unterhielten, in deren Häusern sie kamen, bisendlich aus diesen scherzhaften Umzügen ordentliche Gesellschaften, aus Handwerkerngebildet, hervorgingen, die eine förmliche Zunft gründeten, und in Privat- und Wirths-häusern ihre Produktionen zum Besten gaben. Polksthümlich, derb und lustig waren sie,mitunter sogar anstößig, diese sehr beliebten Fastnachtsspiele, welche dem Volkswitz freienSpielraum ließen.
Besonders aber zu erwähnen auL den Zeiten des erlöschenden Mittelalters ist die Zunjtder Augsburger „Meistersinger", deren Darstellungen an Sonn- und Festtagen stattfanden,und welche zu Anfang des 16. Jahrhunderts eine förmliche Zunft mit circa 100 Mit-gliedern bildeten. Es wurde der alte Meister- und Miunsgesaug von ihnen kultivirt,und „Gewenneier" (Gewinn), bestehend in goldenen Kronen, verabreicht. Leider aberging das Geschäft bald so schlecht, daß die goldenen Preiskronen verschwinden mußten,um — Zinngeschirren Platz zu machen. — Der Zeitgeschmack verlangte bereits nachtheatralischen Darstellungen, genährt durch die Aufführungen herumziehender Darsteller