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welche dem Ohr und Auge der Schaulust mehr Befriedigung boten, als die schulmäßigeinfachen Leistungen der Meistersinger und ihre geistlichen Liedsrstosfe. So kam es, daßdie Zunft nach und nach verarmte, und statt der goldenen Preiskrönung das sogenannte„Zinnsingen" entstand; — die Folge davon- war, der nothgedrungene Entschluß, dembisherigen Streben eine neue und ganz andere Richtung zu verleihen, um wiederum mehrZugkraft auf das Publikum auszuüben» Statt der Stoffe aus der biblischen Geschichte, ^
die sie bis dahin zu wählen pflegten» versuchten sie es nun mit „heidnischen Fabeln und >
Historien, allein auch dieser Versuch wollte sich nicht bewähren; kleiner und kleiner ward ^
die Genossenschaft, und mußte abermals auf etwas Neues sinnen, um sich auf'sNeue Geltung zu verschaffen. So kamen sie auf den Gedanken, sich selbst Schauspielezu dichten und sie darzustellen, ein Gedanke, der wohl als der Grundstein zum späterenStadttheatcr Augsburgs zu betrachten ist. Es wird um's Jahr 1540 gewesen sein, alsdie Zunft der Meistersinger ihr erstes Stück zur Aufführung brachte, betitelt: „Die fünfBetrachtnußen", bei welchem der jüngste Meister die Damenrolls spielte, und da die SacheAnklang fand, so wurden diese Produktionen fortgesetzt, und zwar waren die Stoffe derzu spielenden Schauspiele der biblischen oder Weltgeschichte entnommen, in Rücksicht aufden Zweck: „die Andacht und Vaterlandsliebe zu mehren." —
Auch geistliche Schauspiele wurden von ihnen noch hie und da zur Aufführunggebracht, namentlich bei hohen Festen, zuweilen in Kirchen, zuweilen in einem groß?",geeigneten Lokal, oder auf freien Plätzen: nit von wegen Gclt's, sondern zur Besserungdes Volks." Allein gegen Ende des 16. Jahrhunderts wurde es ihnen vermehrt, ihregeistlichen Komödien in Kirchen abzuhalten, da sich Mißbräuche einzuschleichen drohten.
Bemcrkenswerth aus jenen Zeiten sind die durch Jahrs geführten Kämpfe um eingeeignetes Spiel-Lokal — einestheils, weil es so gar leicht nicht war, ohne ein eigenes,wirkliches Theater zu besitzen stets zweckdienliche Räumlichkeiten zu finden und zu be-kommen, außerdem aber auch veranlaßt durch die stete Feindschaft mit ihren Rivalen, den„Schulmeistern" und deren Schulkomödien auf die wir später noch zurückkommen. Endlichaber war zu jeder Vorstellung die ausdrückliche Bewilligung des hochlöblichen Rathes erst„flehentlich und dsmüthiglich" einzuholen. — Von der „Jakobs-Pfründe waren die Meister-singer, nachdem sich das Lokal als zu klein für Produktion von Schauspielen erwies, nachder „Martinsschule", dann nach dem „Tanzhaus" gezogen, das sie 1582 verließen, umin die „Sackpfeiffe" sich zu begeben; —' 1630 kauften sie mit geliehenem Gelde den„Welser-Stadcl", der später abbrannte, nachdem schon zuvor — 1638 — ein „Theater-brand" stattgefunden hatte, entstanden durch ein auf der Bühne befindliches Licht, dasetliche Papierwolsten entzündete. Das Feuer wurde freilich bald gelöscht, aber zwei Menschenbei dem entstandenen Gedränge todtget rückt, und mindestens zehn Andere gefährlich dabeiverletzt. Was die Darstellungen selbst betrifft, so pflegt man daran auszusetzen, daß sie ^
nicht prunkvoll genug inscenirt wurdenh — man wünschte Tanz und Musik, große Auf- ^
züge, ja womöglich Feuerwerk und Illumination, wie z. B. in Nürnberg die Stücke vonJakob Aprer (nächst Hans Sachs der fruchtbarste, damalige Dramatiker) zur Aufführung,gelangten. „Es scheinen oft, als agire man bei Mondschein!" lautet die Kritik derUnzufriedenen, die es schon damals, ivie zu aller Zeit gegeben.
Das Eintrittsgeld betrug anfänglich — 1 Pfennig pro Woche, außerdem hattendie Meistersinger von diesen Vorstellungen eine ziemlich hohe Steuer zum Besten derArmen zu entrichten, und in Folge dessen fand das „Almosen-Amt" sich auch bewogen,im Jahre 1665 ein eigenes Komödienhaus in der JakobS-Vorstadt, der „Meistersinger-"oder auch spotiweise „Komödien-Stadel" genannt, zu erbauen; dort spielte die Zunft derMeistersinger weit bis in's 18. Jahrhundert hinein, und mußte dem Almosenamt für ^
diesen Musentempel, der ursprünglich aus einer Scheune be- oder entstanden, vermehrte '
Armensteuern zahlen, wohingegen dieses allerdings der Verpflichtung, beziehungsweiseNothwendigkeit, gerecht ward, das morsche Gebäude zu erhalten und zu repariren, was