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Am Vorplätze sagte dieser zu dem Mädchen:
„Selima, wenn Du den Alten beredest, daß er mir heute sein Kleinod überläßt,so will ich Dir eine kostbare Perlenschnure in dein schönes Haar zum Geschenke bringen."
Diese besann sich nicht lange, sondern antwortete:
„Ihr sollt' die Waffe heute Abend erhalten und ich nehme gerne einen Gegendienstdafür an. Doch fordere ich keinen Schmuck für meinen Leib, sondern ein ächt christlichesWerk. —"
„Wie kommt Ihr, Selima, dazu? So viel ich weiß seid Ihr keine Christin mehr,sondern Mohamedanerin!"
„Kommt in meine Stube", entgegnete das Mädchen, „damit uns Niemand hört."
Als Beide dort eingetreten waren, fuhr Selima fort:
„Ich habe nur eine Bitte an Euch, guter Antonio! Von der Erfüllung derselbenhängt meine Verwendung bei Ibrahim wegen der Waffe ab. So höret denn:
„Seit mehreren Monaten weilt in diesen Festungsmauern und zwar dort im rothenThurme ein Gefangener. Es ist ein frommer deutscher Ritter, welcher an der Saveschwer verwundet, in türkische Gefangenschaft gerieth. Früher bediente ihn Ibrahim,doch seit Monatsfrist muß der Arme das Lager hüten und übertrug mir die Pflege desRitters, für welchen der Pascha, wenn er vollkommen Henesen ist, hohes Lösegeld fordern,oder ihn als Sklaven nach Asien verkaufen will.
Ich kann auch nicht sagen, Antonio, was dieser schöne Ritter ausgestanden hat undnun, da die Wunde theilweise geheilt ist und die Kräfte wiederkehren, hat den Aermstenein anderer, nicht weniger heftiger Schmerz, das Heimweh, ergriffen. Ich versichere Euch,Antonio, jedesmal möchte ich weine», wie ein Kind, wenn der Ritter auf den Knien amkalten Pflaster zum Himmel fleht, so innig, so herzerschütternd, daß Gott ihn glücklichin die Heimath führen möge! — O, Antonio! Ich habe ja auch das Heimweh kennengelernt als junges Mädchen und hätte mein Loos als Sklavin gewiß nicht ertragen,hätte mich Ibrahim nicht wie ein Vater behandelt." —
Nach kurzer Pause fuhr sie fort:
„Den Ritter muß ich retten und zwar heute noch, denn für die nächsten Tage istein Transport gefangener Ungarn aus der wüthenden Schlacht bei Varna angesagt, damerkt Niemand die Flucht des Gefangenen und außer Ibrahim und mir weiß keineSeele, daß in dem rothen Thurme der deutsche Ritter verwahrt ist. O, nehmt ihn aufEuerm Fahrzeuge heute Nacht mit nach Venedig, er wird Euch's gewiß lohnen diesesLiebeswerk!"
„Das ist ein gefährliches Unternehmen, meine Selima!" sprach der Kaufherr. „Waswürde Ibrahim sagen, wenn er von der Befreiung des Ritters erführe?"
„Ueberlaßt diese Sorge mir!" entgegnete rasch das Mädchen. „Ibrahim wird seinKrankenlager nicht mehr verlassen und bis zur Zeit, da der Krieg beendet sein wird,kümmert sich Niemand um die einzelnen Gefangenen. Dann aber wird Vater Ibrahimgewiß bei Allah im Paradiese sein! — Sorgt also, mein lieber Antonio, als frommerChrist, daß ich gegen Abend die Kleidung eines Matrosen erhalle; dann, wenn der Jmamvon der Murad-Mosche das Gebet gesprochen, schickt einen Vertrauten zum rothen Thurmeherauf, zu welchem durch die Weinberge ein leicht zu findender Weg führt. An denThurm stößt unsere Gartenmauer und diese hat, wo ein Oleandergebüsch sie überragt,eine schmale Oeffnung, welche mit einem eisernen Thürchen verschlossen ist. An diesessoll er klopfen, dann öffnet es der Ritter von Innen und schlüpft hindurch."
„Es sei!« rief Antonio. „Die kostbare Waffe ist dieses Wagstück wohl werth!"
„Nun lebt wohl, Antonio!" sagte Selima. „Ich zähle auf Euch und Ihr dürftauch auf mich vertrauen. Kommt mit den Kleidern bis zur sechsten Abendstunde, dannsollt Ihr bei Ibrahim die Waffe erhalten."'
Beide verließen die Stube. Der Kaufherr ging seinen Geschäften nach, Selim«aber trat zu dem Kranken, der eingeschlummert war.