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Als derselbe erwachte und die Lieblingssklavin an seinem Lager gewahrte, frug er >nach dem Venetianer. Das Mädchen antwortete, daß dieser erst gegen Abend von derStadt heraufkommen werde und mit dem Waffenhandel zum Abschluß gelangen möchte.
„Das soll er auch", entgegnete Ibrahim; „ich möchte das Kleinod nur noch einmalsehen, ehe ich mich von demselben für immer trenne. Gib mir's, Selima!"
Diese reichte ihm das Schwert.
Lange und aufmerksam betrachtete der Alte die prächtige, kunstvoll gearbeitete Waffe, >
dann gab er sie dem Mädchen zurück, während sich eine Thräne nach der anderen aus t
den Augen stahl. »
„Das war noch eine schöne Zeit, Selima", sprach er mit schwacher Stimme, „wo ^ich als rüstiger, junger Krieger unter dem kühnen Murad I. gegen vie Ungarn , Wallachenund Albanesen kämpfte, Sieg auf Sieg erfocht und reiche Beute machte! — Jetzt binich alt, müde und todesmatt; die Wunde, welche mir bei Kassowa ein ungarischer Reiterschlug und die längst vernarbt war, sie muß wieder aufbrechen und die letzten Lebens-kräfte mir nehmen! — — Führe Antonio gleich zu mir, wenn er wiederkehrt, ich habeWichtiges mit ihm zu sprechen." —
Der Husten stellte sich wieder ein. Selima reichte dem Kranken Arznei, woraufsich dieser auf die Polster zurücklegte und nach einiger Zeit wieder einschlummerte. DasMädchen blieb noch eine Weile in der Stube, dann, als der Alte nicht erwachte, begabsie sich in die Küche um das Neismuß für den Ritter zu bereiten.
Zur bestimmten Stunde erschien Antonio mit einem Matrosen, welcher in Seiden-tvaare versteckt, die Kleider für den Ritter trug. Selima eilte ihnen entgegen, nahmdir Kleider in Empfang und trug sie in ihr Gemach, dann sprach sie zu Antonio:
„Habt Dank! — Nun geht zu Ibrahim, er wird erwacht sein. Das Schwertliegt für Euch bereit."
Antonio wies auf seinen Begleiter und sagte, indein er sich zur Thüre des Kranken«gemaches wandte:
„Andrea ist mein vertrautester Diener, besprecht mit ihm Alles wegen der Fluchtdes Ritters. Wir lichten um Mitternacht die Anker." Darauf verließ er die Beiden.
Selima trat zu Andrea, reichte ihm die Hand und sprach zu dem hübschen, wetter-gebräunten Matrosen:
„Wie dank ich Euch, Andrea! Ihr kennt doch den Fußsteig durch die Weingeländezum rothen Thurme?"
„Ich habe mich, nachdem Signor Antonio mit mir darüber gesprochen, sofort zumThurme begeben und fand auch die kleine Oeffnung in der Mauer beim Oleandergebüsch."
„Um so besser!" rief Selima erfreut. „Nun sorgt, daß Ihr noch vor dem Gebetedes Priesters an der Oeffnung seid, und sobald dasselbe beendet ist, klopft leise dreimalan die eiserne Thüre, welche dann der Ritter öffnen wird. Ich bitte, Andrea, bringtihn sicher auf Eures Herrn Fahrzeug!" ^
„Seid unbesorgt, gutes Mädchen!" entgegnete der Matrose. Ich hoffe, daß derRitter in wenigen Tagen mit uns im schönen Venedig landen und von dort aus dieHeimath aufsucht. — Nun lebt wohl! Vielleicht sehen wir uns im Vaterlands wieder,denn wir sind ja, wie Signor Antonio sagte, Landsleute und Ihr werdet nach dem Ab-leben Ibrahims wohl nicht in der Türkenstadt hier bleiben. Bis dahin wird mir derKaufherr in seinem großen Geschäfte eine Stelle geben, denn ich habe das Leben alsSeeratte schon satt."
„Wohl möglich, Andrea", antwortete Selima, »daß wir uns in Venedig wieder-sehen, dann will ich Euch zum zweiten Male danken für Euren Liebesdienst. Nun mußich nach dem Gefangenen sehen, lebt wohl, Gott führe Euch!"
„Er wird mit uns sein!" entgegnete dieser, drückte die Hand des Mädchens undverließ die Wohnung, nicht ohne der lieben Selima noch einen innigen Blick zuzusenden.
Diese eilte mit dem Abendimbiß, welchem sie noch etwas Wein beifügte in das