Ausgabe 
(7.2.1883) 11
 
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Gefängniß hinab, wo Jörg von Waldeck bekümmert auf und ab schritt, denn draußenim Gärtchen sangen die Dögel voll Lust und von Zeit zu Zeit setzte sich das Nothkehlchen,des Ritters LieblingSvögelchen, auf die Eisenstange des Fensters und jubelte dem armenGefangenen zu. Vielleicht ahnte der kleine Sänger die nahe Befreiung des Ritters, denner wollte gar nicht aufhören demselben vorzusingen, als wüßte er, daß ihn der Ritternicht lange mehr hören sollte.

Selima begrüßte Jörgen, wie gewöhnlich, stellte die Schüssel mit dein Neismrch,dann Obst und Wein auf die Bank und sagte:

Eßt nur, lieber Ritter, mit Lust; dann kommt in das Gärtchen, ich lasse die Thürezu demselben offen und werde gleich wieder kommen."

Jörg nur weniges vom Rcismuß, dann nahm er Obst und das Krüglein mitWein, und ging hinab in die Laube.

Der Abend war schön und vom Meere her wehte eine erquickende, kühle Brise.Die Blätter der Bäume und Sträucher singen an sich zu färben. Aber die Herbstblumenim Gärtchen standen im schönsten Schmucke, gepflegt von der sorgfältigen und kundigenHand Selima's.

Fortsetzung folgt.)

Goldkörner.

2)er Frohsinn gleicht der kleinen Biene,

Die aus die Blumen niedersinkt,

Und, taumelnd durch die süßen Düfte,

Den Honig nur, und nie die Gifte

Aus jungen Blüthenkelchen trinkt. Elisa v. d. Recke.

Bor mir sei höflich, o Mann! Hinter mir redlich und klug.

Ernste Thätigkeit söhnt zuletzt immer mit dem Leben aus.

Das größte Glück im LebenUnd der reichlichste GewinnIst ein guter, leichter Sinn.

Herder.Jean Paul .

Goethe.

Eine Neminiszenz an Walter Scott .

Im Frühling und noch mehr im Herbst ist Schottland das Reiseziel zahlreicherTouristen, welche dem Lande mit den tiefblauen Seen und den röthlich schimmerndenBergen einen Besuch abzustatten kommen, um sich an den wechselnden, bald überwältigendgroßartigen, bald lieblich idyllischen Bildern, welche die Gcbirgsnatur bietet, zu erfreuen.Mit diesen Eindrücken verbindet sich in unmittelbarer Weise die Erinnerung an WalterScott , jenen begeisterten Sänger und Dichter, dessen Lieder und Romane so viel dazubeigetragen haben, Natur und Bewohner seines Heimathlandes dichterisch zu verklären.Unwillkürlich späht der fremde Gast nach Andenken an den beliebtesten Poetcn und besteigtgern den Eisenbahnzug, der ihn nach dem Hause desselben und zu den Trümmern deralten Abtei Melrose führt. Ganz Schottland könnte in gewissem Sinne den NamenScottland " tragen, denn es gibt hier wohl kaum einen Winkel, den der Verfasser derWaverley-Nomane nicht weltbekannt gemacht hätte. Ganz besonders bezieht sich dies aufdas den Grenzen Englands benachbarte Gebiet von Lowland, das vom Tweed und seinenZuflüssen durchströmt wird und mit dessen Thälern und Bergen, mit dessen Wäldern undTriften das Andenken an die Person und den literarischen Ruhm des genialen Autorseng verknüpft ist. Die beste Zeit zu einem Besuchs dieser Gegend ist der Beginn desMaimonats. Das in üppigster Vegetation prangende Tweedthal übt alsdann einen un-widerstehlichen Reiz auf den Besucher. Der wunderbare Wechsel von sanft gewellten^ Hügel», von flachen Einsenkungen, von malerischer Felsenküste, von Seen, Flüssen, Wasser-

! fällen verleihen der Landschaft den Zauber höchster Romantik. Ein saftiger Laubwald'