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bedeckt alsdann das Gelände der Grafschaft Selkirk, deren Hauptstadt das pittoresk 'gelegene Melrose. Zwei Drittel der Höhen bedeckt hier ein wohlgepflsgter Anbau, hierund da unterbrochen von kleineren Waldgürteln, die sich gleich Laubkränzen um die Krippendes Hügellandes schmiegen, und in denen das dunkle Grün der Tannen und Lerchen-bäume mit den lichten Farbentönen wechselt, welche die Birke zeigt.
Wer die Grafschaft Selkirk, dieses paradiesisch von der Natur geschmückte StückErde, näher kennen lernen will, thut am besten, seinen Aufenthalt in Edinburg zu nehmen ^
und von dort aus seine Exkursionen zu machen, und wer im Mittelpunkt der Stätten, ^
an welche sich die Erinnerungen eines glänzenden Geisteslebens knüpfen, weilen will, ^
wählt das Städtchen Melrose für einige Tage zum Domizil. Von hier aus läßt sich
mit Leichtigkeit den Ruinen der Abtei Melrose ein Besuch abstatten, ebenso dem von einempoetischen Hauch umwehten Schloß Abbotsford , das, ungefähr 2000 Fuß über Melrosean dem steil abfallenden Ufer des Tweed gelegen, längere Zeit von dem Dichter bewohntwurde. Die Lage der Burg ist prächtig. Von den Zinnen derselben schweift der Blick überdie beiden Ufer des Flusses weit in die Ferne. Dichter Wald umsäumt den altehrwürdigenNitersitz, dessen graue Thürmchen in ihrer Spitzbogenform an den sogenannten Baronet-styl des schottischen Landhauses erinnern. Wer Schloß Abbotsfort, das aus manchenJugendreminiszenzen her wohlbekannte, näher kennen lernen will, dem ist gleichwohl mancheEnttäuschung vorbehalten. Durch eine schmale dunkle Pforte wird man in einen verwildertenGarten geführt, von dort aus betritt man ein düsteres und niedriges Souterrain. EineHintertreppe führt zu den eigentlichen Wohngemächern, auf ihr gelangt man zu einerFlügelthür dem Eingang in das Arbeitszimmer Walter Scott's , das sich in seinerschmucklosen und einfachen Ausstattung als eine Stätte ernsten Studiums kennzeichnet.
Nun folgen die anderen Räume, zuerst die mit auserlesenen Werken und werthvollenSchätzen der Literatur ausgestattete Bibliothek, ein Saal mit großen und kleinen Gemäldenund einem Ebenholz-Ameublement, ein Geschenk König Georg I V., dann der Wasfensaalmit vielen archäologischen Seltenheiten und kostbaren Werthgegenstäuden, endlich derSpeisesaal, in welchem der berühmte Schloßherr den letzten Athemzug that. Am tiefstensind die Eindrücke, die der Besucher von Abbotsfort bei dem Durchschreiten der genanntenGemächer empfindet, in dem großen Vorsaal, der mit seinen Holzschnitzereien aus dem15. Jahrhundert, mit den zahlreichen alten Waffen, Rüstungen und historischen Reliquien(unter ihnen die Schlüssel zum Kerker von Edinburg ) der historischen Betrachtung einweites Feld eröffnet. Das Grab des Dichters befindet sich in der Abtei Dryburg. Eintiefer und ehrwürdiger Ernst lagert über dieser von tiefstem Schweigen umgebenen Stättedes Todes. Der Verewigte ruht hier in dem schönsten Theile der Ueberreste des altenKlosters, zwischen seiner Gattin und dem ältesten Sohn.
Der Weg von Melrose nach Drpburg längs des Bemerflusses ist von hoher pitto-resker Schönheit — von einer am Ufer des Wassers ansteigenden Höhe übersieht man <
das weit geöffnete Tweedthal —, auf der einen Seite streift der Blick bis zu den Thürmen ^
von Melrose auf der anderen reicht er bis weit südlich über Dryburg hinaus. Auch dieLage dieser Abtei ist überaus malerisch, inmitten eines mit Bosquets besetzten Wiesen-geländes, das von dem Tweed in großen Bogen umslossen wird. Wer von den dieseStätte besuchenden Touristen ein näheres Interesse an dem Leben und den WerkenWalter Scott's nimmt, der wird gerne noch die Orte kennen lernen, an welchen derselbemit Vorliebe weilte, so namentlich den Landsitz Sandiknowe, wo er einen großen Theilseiner Kindheit verbrachte, und Smailholm Tower, wo ihm die Schätze der volksthüm-lichen schottischen Sage und Legende eine so reiche Ausbeute für feine Arbeiten gewährten.
Vor dem Verlassen Mclrose's wird der Besucher jener durch romantische Erinnerungenreich ausgezeichneten Landschaft auch seine Schritte zum Nymerthal lenken, dem Lieblings-Spaziergang des großen Romanschriftstellers, welchen er häufig unternahm, um feineinFreunde Fergusson einen Besuch abzustatten.