zur
„Äilgslmrger postseitnug."
Nr. 12. Samstag, 10. Februar 1883.
Jörg von Maldeck.
Eine Erzählung aus dem fünfzehnten Jahrhundert von F. S ch e n k.
(Fortsetzung.)
Ritter Jörg wandelte auf den Kieswegen zwischen den Blumenbeeten, dann ging erwieder in die Laube, sah durch die schtyale Maueröffnung hinaus auf das Meer, daseufzte er: Wie oft werde ich dich von hier aus noch schauen müssen, du gewaltigeWasserfläche und wie viel lieber möchte ich den winzigen, aber so lieblichen See meinerHeimath schauen, wie ihn, wohl mit nassen Augen meine theure Agatha steht! — Daöffnete Selima die Thurmthüre und trat mit einem Packe in die Laube. »Setzt Euchzu mir", sagte sie mit zitternder Stimme, „ich habe Wichtiges mit Euch zu sprechen, dennheute brachte ich Euch zum letzten Male die Abendsuppe — es war auch die letzte Speise,die Ihr in dieser Festung genossen habt!"
Besorgt frug Jörg: »Was hat man mit mir vor, Selima? O, sag' mir's offen,Mädchen, ich bin auf Alles gefaßt!"
„Habt keine Sorge, edler Ritter! — Was Ihr so oft im heißen, innigen Gebeteerfleht, die Heimkehr zu Eurer lieben Burgfrau, sie soll nicht mehr verzögert werden.Noch diesen Abend naht Euer Retter, ein Matrose des braven Kaufherrn Antonio Nossiaus Venedig, welcher Euch auf das Fahrzeug bringen wird, das um Mitternacht dieAnker lichtet!" — Dann auf den neben sich im Kiese liegenden Pack weisend fuhr siefort:
„Hier ist ein Matrosenkleid, dieses ziehet an, ehe es dunkel wird und ich wiederkomme, denn, wenn der Jmam das Abendgebet gesprochen haben wird, — wie Jhr's jaso oft schon gehört habt, — kommt Andrea Euer Netter an die Oeffnung dort unterdem Oleandergebüsch und wird dreimal leise klopfen, worauf Ihr n it diesem Schlüssel— sie gab ihm denselben — öffnet und durchkriechet. Den Schlüssel aber laßt stecken,damit ich wieder schließen kann.
Jörg hatte dem Gespräche des Mädchens fast athemlos zugehört« Dann, als diesegeendet, faßte er tiefbewegt beide Hände des guten Mädchens, drückte sie innig undsah ihr lange sprachlos in die immer noch hübschen Züge. Thräne um Thräne ranndem Ritter aus den Augen und als er auch in jenen des Mädchens solche glänzen sah,da rief er:
Wie danke ich dem Ewigen, der Dich mir als rettenden Engel in dieses schauer-liche Gefängniß gesandt! Wenn Ibrahim nicht erkrankt wäre, hätte ich wohl dieses mirHo lieb gewordene Gärtchen niemals betreten» mich niemals erquickt an der stärkendenMeeresluft, an dem Dufte der Blumen, die Deine glückliche Hand, herrliches Mädchen,gepflegt. — O, ich hätte Dich wohl auch niemals kennen gelernt und wer weiß, wasmit mir geschehen wäre! Aber Gott lenkte es zu meinem Besten durch Dich, Selima!"
Er nahm sein kostbares Medaillon vom Halse und reichte es der Retterin, welcheheftig schluchzend sich auf die Bank niedergelassen hatte.