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entschlossen, mit Beihilfe eines Unterwärters von dem sie früher einmal die Bastonadedurch ihre Fürbitte bei Ibrahim abgewendet hatte, und der ihr seitdem sehr zugethanwar, einen anderen Gefangenen besseren Standes in Jörgs Gefängniß zu bringen.
Der Alte wurde plötzlich wieder von einem so heftigen Husten befallen, daß Blutaus dem Munde strömte und der Verband der Brustwunde sich lockerte, so daß Selimanicht rasch genug Hilfe leisten konnte. — Die Athemzüge des Kranken wurden kürzerund schwächer. Das Mädchen sandte eine Sklavin in die Stadt, um einen Arzt zuholen, denn sie merkte wohl, daß es mit Ibrahim bald zu Ende gehen müsse, der nachdem Anfalle bewußtlos lag.
Nachdem der Arzt nicht vor einer Stunde eintreffen konnte, eilte das Mädchen nochin den Garten hinunter, um von dem Ritter Abschied zu nehmen.
Jörg von Waldeck saß im Matrosenanzug in der Laube, als Selima die Thurm»thüre öffnete. Er eilte ihr entgegen, wollte seiner Retterin noch einmal die Hände drücken,diese aber sprach:
„Kommt rasch zum Oleanderbusch, schon höre ich den Jmam das Abendgebetsprechen!" —
Sie gingen an die bezeichnete Stelle, dort öffnete Selima das Thürchen, dannsagte sie leise:
„Lebt wohl, edler Ritter! Ich muß zu Ibrahim eilen, denn er wird diese Nachtkaum mehr überleben. Gedenkt manchmal an Selima, in welcher Euer frommer Sinndie Sehnsucht nach der Heimah, nach den seligen Kinderjahren so mächtig geweckt, andas Mädchen, welches durch Eure Rettung die Abtrünnigkeit vom Christenglauben zusühnen und bald selbst wieder Christin zu sein hofft. Lebt wohl!* —
Nasch eilte sie aus dem Gebüsche und ehe der gerührte Jörg ein Wort zu sprechenvermochte, sah er das brave Mädchen in der Thurmthüre verschwinden.
Als das Gebet des Priesters auf dem Minarete verstummt war, vernahm derRitter an dem zugelehnten Thürchen dreimaliges leises Klopfen. Er öffnete und krochdurch die schmale Oeffnung in's Freie, wo der treue Matrose Andrea, der ersehnteNetter, stand. Jörg drückte diesem die Hand, dann schritten Beide schweigend den schmalenPfad durch die Weinberge hinab, durchwanderten eine schmutzige Vorstadt und langtenendlich am Ufer der Narenta an, wo sie eine Gondel bestiegen und kurze Zeit daranfdas Handelsschiff des Antonio erreichten.
„Habt Dank, mein Netter!" sprach Ritter Jörg, als sie auf dem Verdecke desSchiffes standen. „Gott lohne Euch, was Ihr einem unglücklichen Gefangenen Gutesgethan habt!"
„Ich vollzog nur die Befehle meines Herrn", entgegnete Andrea. „Ihm dankt,Ritter, denn ohne seinen guten Willen müßtet Ihr wohl lange noch in der grausigenFestung dort oben schmachten, oder, wer weiß, welches traurige Loos Eurer gewartethätte! — Nun folgt mir in die Kajüte des Herrn. Dort liegen Kleider für Euch, dannerwartet dort Signor Antonio, welcher gegen Mitternacht auf das Schiff kommt, ehedasselbe in die See sticht."
Darauf begaben sich Beide in den unteren Schiffsraum, wo sich die Schlafkabinedes Kaufherrn befand. Dort wechselte Jörg die Kleider, während Andrea auf's Verdeckstieg und die schlummernden Matrosen weckte.
Obwohl der Ritter glücklich war, daß er sein düsteres Gefängniß verlassen hatte,so konnte er sich seiner Rettung dennoch nicht so ganz erfreuen, weil immer noch eineEntdeckung seiner Flucht möglich und eine Verfolgung zu fürchten war. Erst nachdemder Kaufherr das Schiff betreten und Befehl zur Lichtung der Anker gegeben hatte unddas Fahrzeug bei gutem Winde rasch in's Meer hinausschmamm» erst dann fühlte sichRitter Jörg sicher und gab sich seinen nun heftig vordringenden Dankgefühlen ungehin-dert him —
(Fortsetzung so