99
theuren Jörg Nachricht zu erhalte», aber alle ihre Fragen blieben erfolglos. Sie warja auf das Aeußerste gefaßt, ihr kummervolles Herz wünschte sehnlichst Gewißheit überdas Loos ihres Gatten. Lebte Jörg nicht mehr, so wollte sie ihr freudenloses Lebeneinsam auf Waldeck beschließen, eine Mutter der Armen und Bedrängten.
Agatha konnte schon lange nicht mehr so innig, so vertrauensvoll beten, als andiesem Morgen am Altare Derjenigen, welche so unendlich viel gelitten. Nachdem derPriester den heiligen Segen gegeben hatte, verweilten die Frauen noch kurze Zeit imstillen Gebete und als Agatha ausstand und noch einmal hinauf blickte zu dem mildenund doch schmerzdurchfurchten Antlitze Mariens und leise betete: O heilige Jungfrau,verlaß mich nicht! Da war's ihr, als bewege die Heilige das schöne Haupt, als wolltesie der Armen sagen: Ich verlasse Dich nicht! Beruhigter schied Frau Agatha aus derKirche und nachdem die Frauen von den» Probste und den bekannten Chorherren Ab-schied genommen hatten, verließen sie das Klosterdorf und fuhren gen Schliers. '
Noch vor Mittag langten sie dort an. Der Tag war so schön, so wolkenlos derHimmel. Die herbstliche Färbung der Bäume, das duftige Blau der Berge und dieglatte, spiegelhelle Seefläche schufen ein prächtiges Landschaftsbild.
Frau Agatha machte den Vorschlag, nach dein Essen zur alten Martha auf dieHalbinsel zu fahren und bald schwamm der iraldeckische Nachen dem Eilande zu.
Während des Vormittags war Kuno, der Jägerbursche, zur Nachsicht bei den Holz-arbeitern durch einen Theil des Breitenbachthales auf die Kreuzbergalpe und von da hin-über auf die Gindelalpe gestiegen. Den Rückweg nahm er Nachmittags zum Bauer amOberschuß, über dessen Herd einerseits die waldeckische, anderseits die Kloster-TegernseeerGrenze ging. Von da gelangte er auf das Sträßchen, welches von St. Quirin amTegernsee über Ostin an die Schlierach und nach Westenhofen führt, auf weichein derJäger langsam vorwärts schritt. Da hörte er hinter sich Jemand gehen, fund als erzurückblickte, sah er einen Pilger auf sich zuschreiten.
Obwohl in damaliger Zeit noch häufig Pilger aus dem Orient auf den Ritter-burgen zusprachen, so interessirte den Jäger doch die ehrwürdige Erscheinung des Wan-derers, weshalb er seine Schritte hemmte, bis der Pilger ihm ganz nahe war.
Jörg von Waldeck hatte den braven Jägerburschen schon erkannt, als dieser sichumwandle und ihm zurief:
„In Ewigkeit!" erwiderte dieier.
Kunos Blicke überflogen rasch die Gestalt mit dem langen Vollbarte, im grauenP'lgergewande, den Muschel bedeckten Hut auf dem Haupte, von welchem lange, dunkle,doch auch mit weißen Haaren untermischte Locken auf die Schulter herabhingen; dannmit den Sandalen an den Füßen und den Pilgerstock mit der Kürbisslasche in der rechtenHand. —
„Frommer Pilger!" begann Kuno das Gespräch. „Ihr möchtet wohl den edlenRitter Jörg von Waldeck heimsuchen, weil Ihr dem Schliersee zuschreitet; doch, denfindet Ihr nicht auf der Burg. Wir selbst wissen nichts von ihm, als daß der Unglück-liche, welcher im Winter gegen die Christenfeinde nach Ungarn zog, im Frühjahre intürkische Gefangenschaft gerieth. — Ach Gott ! In welch' schauerlichem Verließe magder edle, gute Heer wohl schmachten! — Da wäre uns noch lieber, wenn ihn der guteGott zu sich in den Himmel genommen hätte, so schmerzlich der Gedanke auch ist, denRitter, welchen Alt und Jung wie einen Vater liebt, verloren zu haben!" —
Kuno wischte sich ein paar Thränen aus den Augen, was dem über die Treueseines Dieners bewegten Jörg nicht entging. Dann fuhr Kuno fort:
„Ach, mein Herr, wer Ihr auch sein möget, der Kummer der edlen Burgfrau vonWaldeck hätte Euch gewiß auch oft zu Thränen gerührt! Das nenne ich Liebe undTreue! — Ach, wenn wir nur wüßten, was aus unserem guten Herrn Ritter gewordenist! Diese lange, bange Ungewißheit über sein Schicksal muß ja die treue Frau auf-