Ausgabe 
(14.2.1883) 13
 
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.reiben! O,. guter Pilger! Hättet Ihr nur die Frau gesehen mit den üpvigen braunenLocken, mit dem frischen schönen Gesichtchenl Und jetzt! Schon färben sich, wie die Blätteran jener Linde die dunklen Haare in graue. Die rothen Wangen sind dahin und gram-durchfurcht sind die edlen, schönen Zügel Habt Zhr keine Nachricht von Jörg vonWaldeck? Ihr kommt wohl nicht aus dem Uugarnlande, sondern aus der Heimath unsersErlösers? Aber, was ist Euch?" frug Kuno plötzlich den Pilger, welcher lautschluchzend neben dem Jäger ging. Da blieb Ersterer stehen, ergriff die Hand des Jägersund sprach tiefbewegt:

Ich bringe den Nitter zurück, guter Kuno! Der gütige Gott hat mich wunderbargerettet aus tiefer Kerkernacht! Nun darf ich meine Agatha, Euch und die Heimathwiedersehen!"

Kuno war vor Freude und Staunen auf die Kniee gesunken, küßte das Kleid desgeliebten Herrn, dessen Stimme und Gesichtszüge ihm nun plötzlich bekannt erschienenund unter Thränen rief er:

Gott sei gelobt! Ach, mein geliebter Herr Ritter , weil wir Euch nur wiederhaben! Das ist die schönste Stunde »reines Lebens, da ich Euch, den zweiten Vater,wieder sehen darf! O, nun laßt mich vorauseilen auf die Burg um die edle Herrinauf das unerwartete Glück vorzubereiten, denn die plötzliche Freude des Wiedersehenskönnte ihr und der alten Frau Anna von Pienzenau den Tod bringen!"

Kuno erhob sich und wollte forteilen, der Nitter hielt ihn jedoch auf, indem er sprach:

Ja, Kuno, Du sollst zu meiner Agatha eilen, Du sollst ihr jedoch nicht sagen,daß ich komme, sondern daß ein Pilger gute Nachricht von dem Nitter bringe. Ich er-warte Dich zu Westenhofen in der Kirche.

Kuno eilte, als hätte er heute noch keinen Berg bestiegen, so rüstig dem DorfeSchliers zu, da begegnete ihm hinter Westenhofen, Lisbeth, das Töchterchen eineswaldeckischen Holzarbeiters, welche häufig in's Jägerhaus auf die Halbinsel kam und fürdie alte Martha Manches besorgen mußte. Sie kam eben daher und ries, als sie in dieNähe des Jägers gekommen diesem zu:^

Kuno I Die Herrschaften von Waldeck sind vor einer Stunde zur alten Jügerinherübergefahren. Auch die Zofe ist bei ihnen, sie hat mich bis zum Rauhestein begleitet."

Ich danke Dir, Lisbeth, für die Nachricht. Du hast mir einen weiten Weg er-spart, denn ich wollte zur Burgsrau nach Waldeck hinauf. B'hüt Dich Gott , Kleine!"

Kuno wandte sich gegen Westenhofen zurück und wartete bei der Kirche auf denNitter, der nach kurzer Zeit eintraf. Nachdem der Jäger erzählt, was er erfahren, gingenBeive in die Kirche; aber sie waren zu aufgeregt, um sich zum Gebete sammeln zu können.Der Ritter wußte das Ziel seines heißen Sehnens so nahe und Kuno konnte das Glücknoch gar nicht ganz fassen, seinen lieben Herrn wieder gefunden zu haben.

Auf dem Wege zur Halbinsel wollte Kuno an den Ritter Fragen stellen über dessenGefangenschaft, aber die Eile, mit welcher dieser vorwärts schritt, ließ den treuen Jägerin's Herz des Herrn blicken und erkennen, daß jetzt keine Zeit zum Fragen sei. Er be-schleunigte ebenfalls seine Schritte, bis Beide am Walde der Halbinsel anlangten. Jetztblieb der Ritter stehen und sagte:

Kuno, nun gehe voraus zum Jägerhause. Sage den Frauen, es folge Dir einPilger aus dem Türkenlande, welcher erfreuliche Nachricht bringe. Ich werde Dir lang-sam folgen."

Die beiden Frauen hatten sich, da die Herbstsonne noch recht angenehme Wärmeverbreitete, vor das Jägerhaus gesetzt und nahmen eben ihren Nachmittagsimbiß, Milchund Butterbrod zu sich, als Kuno um die Hausecke bog und sich vor Agatha tief ver-beugend sagte:

Gnädigste Frau! Von Westenhofen her folgt mir ein Pilger aus dem Türken-lande. Er sagte mir, er müsse zu Euch, denn er bringe gute Nachricht von dem edlenNitter von Wakdeck!"