Ausgabe 
(17.2.1883) 14
 
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Einiges Von Nördlingen .

(Fortsetzung.)

Wen» Du ein zartes Pedal hast, freundlicher Leser, so steige setzt 365 Stufen und eive LeiterrrnL nur hinaus in die Laterne, von der Du eine prächtige Aussicht zu genießen hast. Der Thürmersagte Einsender schon vor vielen Jahren:99 Ortschaften sind zu schauen und d-e hundert,te sieht mannicht, weil ein Berg davor ist und diese ist Ederheim ." In der Laterne sind zwei eherne Schalen,zum Stundenjchlagen eingerichtet. Die Verse auf beiden mögen hier erwähnt sein. Auf der einen steht:

Mensch! noch lebst du auf Erden,

Kind der vergänglichen Zeit;

^ Säume nicht besser zu werden,

Dies ist, was mein Schlag dir gebeut."

Auf der zweiten sind die Worte eingegossen:

Jeder meiner Stundenschläge mahnetAn die Flucht der Zeit,

Ruft dem Hörer ernst entgegen:

Lebe für die Ewigkeit!"

Gewiß ungemein sinnige, passende Worte 300 Fuß über den Niederungen des Lebens an-gebracht! Wie stümperig, zwergaestaltig nehmen sich solcher Zeilen gegenüber die Inschriften aus,welche bei weltlich geräuschvollen Festen an den sogenannten Triumphbogen oft angebracht sind,und Alles oft, nur keinen Triumph bedeuten. So hat Einsender einst folgenden kurzen inhalts-reichen l Vers gelesen:

Gäste! spart nicht Euer GeldEinmal lebt man in der Welt!"

Die übrigen wen» ich nicht irre sechs Glocken können wir übergehen und möchte» wir nur nochden Thurm anlangend die Inschrift auf einer Metallplatte an der zweiten Galerie erwähnen, welcheden Schluß des Baues als am 10. November 1490 angibt-

Wir treten ein durch das Westportal und vor uns dehnt sich aus ein herrlicher Hallenbau mitdrei Schiffen, der auf 92 mächtigen Säulen ruht, welche allerdings noch mächtiger schön sich unsrepräsentiren würden, wenn sie wie überhaupt das Ganze reichlicher gegliedert und mit mehr Ornamentikausgestattet würden, dessen ungeachtet bietet das Ganze einen sehr schönen Eindruck und mit urenkelischemStolze blickt man aus die Urahnen, welche den Tempel hergestellt, mit Freude erinnert man sich auchder gegenwärtigen Generation, welche ihn schön und künstlich renovirt hat. Freilich etwas leer komme»die Hallen vor, da sie beraubt der stattlichen Anzahl von Altären, welche die katholischen Erbauerhineingearbeitet. Nach kaum zwei Dezennien der Vollendung traten sie über zum Protestanlismusund Aliäre rc. waren überflüssige Möbel. Ferner müssen wir erwähnen, daß der ganze Tempel nachunserer Ansicht allzu licht ist, viel zu viel Helle hat. Dem wird vorgebeugt werden durch die Glas-fenster, welche nach und nach eingesetzt werden sollen. Der Anfang ist rühmlich gemacht, indem derStaat das Huuptfenster im Chor herstellen ließ, während ein zweites dorten bald folgen soll. Dasgewaltige Fenster zeigt uns den Kirchenpalron St. Georg im Kampfe, während die obere Abtheilungden Heiland und Magdalena vorstellt in dem Moment, da er zu ihr spricht:noli mo tougors!.Bei diesem Bilde mit seinen Heiligenfiguren können verschiedene geschichtliche und andere Erinnerungenin der Seele des Beschauers aufsteigen. Bereits im achten Jahrhundert wurde durch Leo den Jjaurierder Jkonoklasmus die Bildcrstürinerei begonnen, die Bilder der Heiligen wurden aus den Kirchenund von den öffentlichen Plätzen entfernt. Was war die Folge? Sie fanden wieder bald die Kirchenoffen znr Rückkehr und die öffentlichen Plätze schmückten sich wieder mit neuen, noch schöneren Statuen.Was dieser Cäsareopapist, der zuerst Handelsmann, dann Soldat, dann General, dann Kaiser war,begann, wurde zu verschiedenen Zeiten fortgesetzt. Auch die Reformatoren des sechszehnten Jahrhundertswollten, da sie ja diereine" Lehre verkündetenreine" Tempel und die Bilderstürmerei war wiederm's Werk gesetzt. Und jetzt dürfen in vielen Kirchen nach und nach die exilirten in die Acht erklärtenHeiligenbilder, Apostclstatnen rc. (und wäre» erstere blos auf Glas gemalt) aus dem Eril zurück-kehren und als Schmuck und Zierde dienen. 'lempora mutanlur ot nos inatamur in illis! DochZurück zu unserem Tempel! Wir befinden uns im Haupttheil jedes Gotteshauses, im Chor. DerAltar hier, der einzige der großen Kirche, ist einfacher Art, Holzichnitzerei, ein Altar-Crucifirus ziertdenselben. Die Bilder von früher sind jetzt aus dem Rathhaus, dessen besondere Sehenswürdigkeit ivirspäter erwähnen werde». Auf der Nordseite in der äußersten Ecke befindet sich der Schatz des Tempels,das Sacramentshäusle, ein Werk Stefan Weyrers. Es ist ein kühner, prachtvoller Ausbau, mituntermtt seinen Fialen und Spitzen gleichsam in der Luft schwebend, das Ganze gekrönt mit einer Kreuz-blume, auf welcher sich ein betender Mann befindet. Bei solchen Werken muß den Beschauer Bewun-derung erfassen für die Künstler, die sich in denselben verewigt haben.

> Die Chorstühle, hübsch renovirt beuchen uns doch etwas mager zu dem großartigen Ganzen,gegenüber denen im Münster zu Ulm und andereil gothischen Domen. Auf der Südseite an einemPfeiler angelehnt, bemerken wir ein weiteres sehr schönes Werk, nämlich die Kanzel. Während die