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„Augsbllrger Postzeitimg."
Nr. 16.
Samstag, 24. Februar
1883.
Heimathlos.
Eine Erzählung aus jüngster Zeit von Hermann Hirsch selb.
(Fortsetzung.)
Frau Solmitz neigte grüßend das Haupt und verließ, von dem Verwalter gefolgt,der ihr dienstfertig die Thür öffnete, den Salon, kalt und unbeweglich wie immer. Dasjunge Mädchen blieb allein,» es war, als ob eine Last von ihrem Busen genommen, auchdas Herz hat seine Thränen und sie hatten sie zu ersticken gedroht, nun traten sie ihrin's Auge und schluchzend barg sie das Antlitz in den Händen. „Ja, eine Fremde",sagte sie im halblauten Selbstgespräch, „eine aus Mitleid Geduldete, einer Bettlerin Kind,das eine Laune aus dem Nichts erhob, eine Laune in das Nichts zurückschleudern kann.Warum, stolze, kalte Frau, ließest Du, die mir Meister gab, meine Fähigkeiten zu bilden,daß das Schaustück Deiner Großherzigkeit Dir Ehre mache, mich nicht unterweisen, zu-gleich Herz und Sinn zu tödten, warum, selbst empfindungslos, unbewegt, wo des Kriegesblutige Sichel das Haupt des Sohnes bedroht, ersticktest Du nicht in mir jedes Gefühl?Nun ist's zu spät. Ich habe ja keinen, keinen als mich selbst, ein unerfahrenes Mädchen-herz, das mich führt, mich leitet, und ach, das Herz ist ein trügerischer Pilot auf desDaseins sturmbewegten Wellen, und selbst die letzte Zuflucht hat keinen Trost für mich,das letzte theure Vermächtniß, das Du, verklärte Mutter, in des Kindes Hand drücktest,und das ich wie ein Heiligthum barg, die Zuflucht, in der ich sonst Stärke fand undsüßen Frieden.
Sie zog ein schlichtes, goldenes Medaillon hervor; der Glanz des Metalls warverblichen, vielleicht war es eine Wirkung der zahllosen Thränen, die darüber geweint.
Der Druck einer Feder öffnete die Kapsel und wies zwei Miniaturbilder, diePortraits einer jungen Frau, von hoher Schönheit und das eines stattlichen Mannesmit dunklem Haar und Bart und großen leuchtenden Augen.
Sie drückte die Bilder an ihre Lippen. „Ihr habt es gehört", sagte sie leise, „eineFremde — eine Fremde in diesem Hause nennt mich die Mutter Oscars — o gebt mireine Heimath, laßt mich die Eure theilen, daß es still werde, still und friedlich i» diesersturmbewegten Seele."
„Alida!" Eine jugendsrische Mannesstimme klang von der Schwelle des Salonsher und ließ das junge Mädchen erzittern. Von ihr unbemerkt war Oscar von Solmitzeingetreten, ein stattlicher, junger Mann mit feinen weichem Antlitz, das fast eine allzu-große Willenlosigkeit verrieth und durch den Mangel an energischem Ausdruck verlor.
„Alida!" wiederholte er, „gelten diese Thränen mir, liebes Mädchen?".
Die Waise suchte sich zu fassen.
„Sie haben mich überrascht, Oscar", erwiderte sie, „Sie wissen, ich hüte meineThränen, die Schmerzensperlen der Seele, wie ein Geiziger sein Schatzkästlein. Alleinda sie Ihnen nicht entgingen, so will'ich Ihre Frage beantworten: sie gelten der Zukunft."
Der Zukunft? Eine mystische Antwort, dunkel und bedeutungsvoll, wie der Schleier,