Ausgabe 
(24.2.1883) 16
 
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überschwengliche Familienscencn, hätte ich nur eine Ahnung davon gehabt, daß ein Ver-hältniß, das sich wir als bloße Vermuthung aufdrängte, an das ich nicht glauben konnte,ohne zugleich ein Wesen, das Alles meiner Güte dankt, des schändlichsten Verraths, desbittersten Undanks zu zeihen, schon so weit gediehen sei ich hätte längst das ent-schiedene Wort gesprochen, das ich Dir heute zurufe, Dir, dem Sprossen eines adeligenGeschlechts, das kein trüber Flecken belastet und dieses Wort heißt nein!"

Mutter! Du bist grausam, wiegen nicht Alidens Eigenschaften, ihre Sanftmuth,ihre Güte, tausend Ahnen auf? Mutter, ich beschwöre Dich, sei mild, sei gut, bedenke, daßin jedem Augenblick die Botschaft auf Solmitz eintreffen kann, die eine Todesbotschastfür Deinen Sohn bedeutet."

Zitternd hatte Alida der Verhandlung zwischen Mutter und Sohn beigewohnt, siehotte den Fuß erhoben, das Zimmer geräuschlos zu verlassen und doch war es ihr, alsmüsse sie bleiben, als flöße ihre Anwesenheit dem jungen Manne höhere Kraft undVertrauen ein.

Auf sie fiel jetzt Frau von Solmitz's Blick.Bleiben Sie!" befahl sie kurz,ich,habe mit Ihnen zu verhandeln, um ähnlichen Scenen vorzubeugen, wie die jüngst er-lebten, deren Wiederkehr n eine Gesundheit schwer zu widerstehen vermag; ich hoffe, Sie,in deren Adern kein Nitterblut fließt, die proletarische Grundsätze mit der Muttermilcheingesogen, werden vcm praktischeren Standpunkt aus mit sich reden lassen, mehr als meinexcentrischer Sohn, denn, nicht wahr, das Praktische ist doch immer die Hauptsache?"

Mutter!" schrie Oscar auf,nimm dies Wort zurück; fleckenlos nanntest Du denAdel der Solmitz; wenn es wahr ist, dann, bei Gott, dankt seine Ehre den ersten FleckenDeiner scharfen Zunge."

Frau von Solmitz preßte die Lippen zusammen; sie fühlte, daß sie zu weit gegangenwar, aber sie schwieg, denn nun ergriff Alida das Wort.

Sie haben Recht, gnädige Frau" sagte sie ruhig, nur die Blässe ihrer Züge legtevon der Aufregung ihres Innern Zeugniß ab,undankbar, verrätherisch ist Alida Bar-feld, ich hätte ein Haus meiden sollen, in das meine Gegenwart Unfrieden zu säendrohte, ich hätte mich Ihnen offenbaren müssen, aber die Scheu hielt meine Zunge ge-fesselt, wie das Grab meiner armen Mutter den Fuß; und dann o nach Theilnahmedürstete meine Seele, uns nach dem Thau die jungen Pflanze lechzt; Sie gaben miralles, alles nur nicht Liebe, nur nicht Vertrauen, fremd stand ich all in; sollteich die eine Seele, die sich der meinen sympathisch nahte, fragen, wie ein Zöllner nachPaß und Form? Ich flog ihr entgegen verständnißinnig, denn ich verstand, daß derObulus. mit dem ich sie erkaufen durste, Entsagung hieß."

Frau von Solmitz lachte auf.

Nennen Sie Entsagung die Situation, in der ich Sie überraschte?" rief sie,fürwahr, wenn Sie die Liebe vergeblich gesucht, die Sophistik haben Sie reichlichgefunden."

Der Eintritt des alten Dieners unterbrach die Familienscene.

Gnädige Frau", sagte er,unten ist Paul Halsen, der jüngst einberufene Müllers-sohn, er bringt eine Depesche und einen Brief aus der Stadt, ich glaube, eS ist dieEinberufungsordre."

Der Alte wandte sich ab, die Rührung zu verbergen, die ihn zu übermannen drohte.

Frau von Solmitz ergriff die günstige Gelegenheit, dem peinlichen Auftritt einEnde zu machen.Paul Halsen soll herauf kommen", befahl sie.

Wenige Augenblicke später erschien ein junger, kräftiger Soldat im Salon, es war^r Sohn oes Solmitzer Mühlenbesitzers, der in demselben Regiment mit dem Sohn derGutsherr!» stand und Oscar treu ergeben war.

Ich komme als Ordonnanz", sagte er, keineswegs durch die aristokratische Um-gebung eingeschüchtert, sich vor der gestrengen Frau verbeugend;hier ist die Einberu-fungsordre für unseren jungen gnädigen Herrn und ein Brief des Oberiieutenants von