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Alten. Es wird Ernst, gnädiger Herr, das wird ein ander Ding, als unsere Manöver,
trotz allem Pulverdampf und Hurrahgeschrei, daß die Erde bebte."
Oscar hatte das amtliche Schreiben erbrochen, jetzt reichte er es seiner Mutter,während er selbst den zweiten Brief erbrach.
Frau von Solmitz konnte, wo nun die Wirklichkeit an sie herantrat, doch eine leichteBewegung nicht verbergen, als ihre Augen die verhängnißvolle Ordre durchflogen, dieihren einzigen Sohn mit dem frühesten des nächsten Morgens zur Einstellung bei seinemRegiment beschiel». Derselbe sollte sich sofort zum Abmarsch nach dem muthmaßlichenSchauplatz des Krieges bereit halten.
Die Mutter trat zu Oscar und drückte einen Kuß auf ihres Sohnes Stirn. »DasMutterherz muß schweigen, weiln das Vaterland ruft", sagte sie, „ich werde für Dich
beten, Oscar, möge der Herr Dich behüten und mit Dir sein. Ich aber will wenigstens
thun, ivas in meinen Kräften steht, für Dein leibliches Wohl zu sorgen, soviel es mirin den wenigen Stunden möglich ist, die mir dazu vergönnt sind."
„Alida", fuhr sie fort, sich an das junge Mädchen wendend» und herzlicher alsvorher klang ihr Ton, „das Schicksal selbst hat die Rolls des Vermittlers im peinlichenDilemma übernommen, wir haben jetzt Zeit, friedlich zu lösen, was im Sturme zu brechendrohte, denken wir heute an nichts Weiteres, als an die Ausrüstung des Scheidenden."
Sie winkte dem jungen Mädchen, ihr zu folgen, allein des Sohnes Hand hielt siezurück. —
Dann wandte Oscar sich zu Paul. „Du wirst, wie ich hoffe, stets als mein Dienermir zur Seite bleiben", sagte er herzlich, „wir waren immer gute Kameraden, wir werdenes auch ferner sein; nun gehe und stärke Dich, ehe Du zur Stadt heimkehrst und demLieutenant von Alten die Antwort auf seinem Brief überbringst."
Treuherzig reichte der Soldat dem jungen Gutsherrn die braune Rechte. „Siesollen auf Paul Halsen zählen dürfen, wie einst in der Jugendzeit; in Noth und Todder Ihre, junger, gnädiger Herr."
Er entfernte sich und als hinter ihm die Thüre geschlossen, verschwand das Lächelnvon Oscars Lippen.
„Vergönne mir noch einige Worte, Mutter", sagte er; „dieser Bries des Lieute-nants von Alten kündigt mir an, daß er militärischer Zwecke halber einige Zeit in dieserGegend verweilen muß und Solmitz, als Mittelpunkt des ländlichen Kreises, zu seineinAufenthalte ersehen hat; ich glaube, ivir können nicht umhin, obwohl ich ihm sonst ziem-lich fern gestanden, ihm eine Wohnung im Schlosse anzubieten."
„Die ich ihm gern zur Verfügung stelle", entgegnete die Gutsherrin, „wenn Herrvon Alten wie ich hoffe, von guter Familie und gutem Leumund."
„Er ist aus gutem Hause und ihn schlechter Sitten zeihen, hieße Verleumdung,und doch — ich wollte, es gäbe ein Mittel, diesen Besuch abzuwenden, da ich fernsein muß."
Er fuhr sich über die Stirn, als wolle er die bösen Gedanken verjagen.
„Ist das alles, Oscar?" fragte Frau von Solmitz sichtlich ungeduldig. „Dusolltest doch Deine Mutter kennen, daß sie sich selber genug ist, ihr Recht und die Achtungzu bewahren, die man ihr und ihrein Hause schuldig ist. Du aber, mein Sohn, hast nocheine unerläßliche Pflicht vor Deinein Scheiden zu erfüllen, den Abschiedsbesuch auf SchloßEbersdorf."
Heller leuchteten die Augen Oscar's auf. „Freilich", sagte er, „will ich nachEbersdorf; es ist ein schmerzlicher Gang uird schwer ivird es mir iverden, daran zu denken,die Gegenwart der anmuthigen Baronesse Fanny zu entbehren, die ich verehre wie einenEngel des Friedens. Ihre Wünsche sollen das Geleit des Scheidenden sein."
„Du aber, Mutter, versage mir eine Bitte nicht, es ist vielleicht die letzte, die DeinSohn an Dich richtet. Vergebens, ich kenne Dich und Deinen Sinn, ist es, an DeinHerz zu appelliren, und Dein Nein ist ein Fels, an dem die Hoffnung scheitert, die ihn