Nr. 15.
1883.
zur
Mittwoch, 21. Februar
Heimathlos.
Eine Erzählung uns jüngster Zeit von Hermann Hirsch selb.
(Nachdruck Verbote».)
„Die gnädige Frau befehlen?" fragte der alte Diener in der dunkelgrauen Livrädes Solmitz'schen Hauses, geräuschlos die Thüre des Salons öffnend«
Hermine von Solmitz» die verwittwcte Besitzerin des Gutes gleichen Namens, dasden Schauplatz unserer Erzählung bildet, schritt in sichtlicher Erregung auf und nieder;'es war eine hochgewachsene, fast allzu hager erscheinende Dame, die in der Mitte dervierziger Jahre stehen mochte. Sie mochte einst nicht ohne äußeren Reize gewesen sein,aber mit dem zunehmenden Alter hatten die Züge der Dame eine gewisse Starrheit,der Blick des grauen Auges eine Schwäche angenommen, die kein sympathisches Gefühlzu erwecken vermochte. Und kalt und schroff war die Wittwe des Herrn von Solmitzauch im Innern geworden, seitdem ihres Gatten Tod sie als Mutter eines blühen-den Knabe», aber auch zugleich als mittellose Wittwe zurückgelassen, denn des VerstorbenenVerhältnisse waren völlig zerrüttet und ihr eigenes, ihm zugebrachtes Vermögen in un-sinnigen Speculationen vergeudet.
Freilich dauerte '.diese traurige Existenz nur ein Jahr, da starb ein kinderloser Oheimder Wittwe, die kaum mehr den Nimbus des Wohlstandes ausrecht zu erhalten vermochte,mit dem sie sich unter Entbehrungen aller Art im Häuslichen zu umgeben gewußt hatteund kurze Zeit daraus war Hermine von Solmitz, obgleich nicht die direkte Erbin desVerstorbenen, in dem Besitz hinreichender Mittel, das Stammgut ihres Gemahls vonseinen Schuldenlasten zu befreien und es dergestalt zu vergrößern, daß die Solmitz'scheBesitzung ein gar stattliches und werthvolles Eigenthum bildete, das sich, in den Augender meisten Leute, die nicht näher in die Verhältnisse des Hauses eingeweiht, dereinstauf den einzigen Sohn Herminens, den jetzt zweiundzwanzigjähriaen Oscar vererbetmußte. —
„Gnädige Frau haben abermals geklingelt", wiederholte der Diener noch einmal,da die Dame seine Anwesenheit nicht zu beobachten schien.
Frau Hermine von Solmitz fuhr aus ihren Gedanken empor. „Ist Steeland nochnicht von der Stadt zurück?" fragte sie.
„Der Herr Verwalter muß jeden Augenblick kommen", entgegnete der Alte; „erwollte um zehn Uhr wieder hier sein und es ist bald eilf. Vielleicht, daß in der StadtDepeschen von Wichtigkeit eingetroffen oder erwartet werden, deren Inhalt er gern mitnach Solmitz bringen möchte, denn wir leben in einer großen Zeit, gnädige Frau, undjede Sekunde kann uns die Entscheidung eines blutigen Krieges bringen, kann unserenjungen Herrn, den ich auf meinen Armen gewiegt, zu seinem Regiment beordern, umsein deutsches Vaterland gegen die Franzosen zu schützen."
„Mein Sohn steht in Gottes Hand", entgegnete Frau von Solmitz, „so wenig wieer selber je daran denken würde, möchte ich, seine Mutter, Oscar seiner Pflicht entziehen;