ich fürchte nicht für ihn, denn so hart wlrv nuch das Geschick doch nicht heimsuchenGatten, Bruder und Sohn zu verlieren?" ,
„Behüte es der Himmel", sagte der Alte, durch die ungewohnte Herablassung derHerrin ermuthigt, „aber was den Bruder der gnädigen Frau betrifft, den lieben autenübermüthigen Herrn Leopold —" -
„Er ist todt!" unterbrach ihn Frau von Solmitz heftig, „achtzehn Jahre sind ver-strichen, seit er spurlos aus Europa verschwand, alle Nachforschungen waren vergebens,es ist kein Zweifel, kann kein Zweifel sein", endete sie gebieterisch.
Der Alte zuckte mit den Achseln, augenscheinlich unterdrückte er eine Entgegnung.'„Es ist kein Zweifel möglich, gnädige Frau", sagte er dann, „aber wenn etwas im Stande,ihn aus der tiefsten Verborgenheit hervorzulocken, falls er sich noch am Leben befindenwürde, so ist es das Erwachen des deutschen Geistes zum Selbstbewußtsein. Leopoldvon Bernau war Deutscher mit Leib und Seele und keinen Augenblick würde er zaudern,mag auch sein Haar weiß geworden sein, herbei zu eilen, über Meer und Berge, wo essich um des Vaterlandes Ehre-"
Frau von Solmitz winkte abwehrend. „Genug", saate sie und wieder im kurzenTon der Gebieterin, „wo ist Fräulein Alida?"
„Das arme Mädchen ist im Garten", gnädige Frau, „sie wollte Erdbeeren für dieheutige Tafel pflücken, sie weiß, daß die gnädige Frau gern die Frucht recht groß undroth liebt, aber die Thränen rannen ihr dabei über die Wangen; der Herr Verwaltermuß ihr mitgetheilt haben, daß jeden Augenblick die Einberufungsordre eintreffen kannund das junge Herz —"
Er vollendete nicht vor dem scharfen Blick der Dame und senkte verlegen das Haupt,er fühlte, daß er zu weit gegangen.
„Ich respectire die Treue ergrauter Domestiken in unserem Hause", bemerkte Frauvon Solmitz, „aber ich verbitte mir Bemerkungen, die schlecht zu ihrer Stellung passen.„Ah, da ist Streland", unterbrach sie sich, da Schritts im Vorsaale ertönten und, wäh-rend der Diener die Thür öffnete, rief sie dem Kommenden entgegen: „Haben Sie Schmidt,den Rechtsanwalt gesprochen?"
Der Eintretende, hinter dem der Diener die Thüre schloß, war der langjährigeVerwalter des Solmitz'schen Gutes; klein und mager, mit listig zwinkernden Augen, hatteHerr Streland fast das Aussehen eines Fuchses und allgemein traute man ihm auch dieSchlauheit desselben zu; daß er täglich sein Vermögen vergrößerte, fiel KeinÄO auf, dennkein Mittel schien ihm zu gering oder schlecht, Geld auf Geld zu häufen, wohl aber be-fremdete das seltsame, fast freundschaftliche Verhältniß der sonst so stolzen, aristokratischenWittwe mit ihrem Untergebenen, dessen Leitung in allem Geschäftlichen sie sich willigfügte; die Herrin schien aber auch die einzige, die empfehlenswerth« Eigenschaften in HerrnStreland entdeckt haben mußte, denn seine Persönlichkeit war auf der ganzen Besitzungeine höchst unbeliebte und selbst Oscar v. Solmitz, der künftige Erbe, hatte schon alsKnabe gegen den Verwalter einen Widerwillen zur Schau getragen, den selbst der jungeMann noch nicht zu überwinden vermochte, obwohl er dem Eifer und der Pflichttreuedes Beamte» seine Anerkennung nicht versagen konnte.
„Sie haben ihn gesprochen?" fragte Frau v. Solmitz abermals, „wie steht es,wann können wir die Todeserkläruna vroklamiren, wann darf ich ruliia schlafen, ruhigathmen, endlich, endlich?"
„In zwei Monaten ist die Frist um», entgegnete Streland, „es läßt sich kein Jotadaran ändern", meinte Schmidt. „Ist an dem bestimmten Tage Leopold von Bernaunicht selbst oder durch seinen Mandatar oder seine etwaigen Erben vertreten, zur Entgegen-nahme seines Erbtheils, das sich bis jetzt unter Ihrer Verwaltung befand, nicht aufSolmitz anwesend, wird er für todt erklärt und rechtlos er und seine Erben an jedemAnspruch; so besagt es das Proklam, das völlig wirkungslos blieb und bleiben wird,denn Herr Leopold von Bernau, es ist kein Zweifel, ist todt oder verschollen und seine