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auf Solmitz angetroffen, als ich schwer verwundet heimkehrte. Und Fanny, — Jh»edle Seele wird mich verstehen, — ist Alida unschuldig an dem, was man ihr zur Lastgelegt, trieb irgend eine Intrigue sie aus diesem Hause, dann gebietet inir es die Pflicht,alles aufzubieten, den Widerstand meiner Mutter zu besiegen und mein Wort zu lösen.Trifft sie aber ein Vormurf, verließ sie schnöde, des sichern Vortheils halber ein Haus,das ihr Liebe» das ihr ein Heim geboten, konnte sie so rasch vergessen, daß sie mir ge-lobt zu bleiben, bis ich heimgekehrt, dann, Fanny, lassen Sie mich zu Ihnen flüchten —dann seien Sie mein Eines und mein Alles, und lasten mich Aliden's Bild aus jenemTraum streichen, den ich so gern geträumt, wenn ich mir ein holdes Bild des Glückesausmalte: Sie, Fanny, als Gattin mir zur Seite und Alida als Freundin, als Schwesterunserm Kreise eng verbunden — es war ein Traum — und wie es immer kommenmag, ein Traum wird's ewig bleiben.*
Ein Aufschluchzen ertönte hinter den beiden jungen Leuten, daß sie erschreckt emporfuhren. —
Auf der Schwelle des Pavillons, vom Sonnenschein bestrahlt, stand Alida, dasAntlitz von Thränen überströmt; wie segnend breitete sie die Hände aus. Hinter ihrerhob sich die Gestalt Paul Halsen's.
„Alida!" rief Oscar, der nun das junge Mädchen bemerkte, „Alida, Du hier?Du hast vernommen? — —"
„Ja, Oscar, ich hörte Alles, und nicht länger vermochte ich an mich zu halten.Oscar, das Gefühl, das Dich leitete in Deinen Neigungen, das Gefühl, das mir selberzur Richtschnur diente, da ich niemals Deine Hand beanspruchen wollte, es war das rechte.Und beiden darfst Du gehören, der holden Fanny als Gatte und mir als Freund undBruder, denn Bande des Blutes verknüpfen uns enge, — soeben überreichte ich DeinerMutter und denn Herren vom Gericht die Beweise meiner legitimen Herkunft: ich bindie Tochter Leopold's von Bernaul"
Wie ein Jauchzen der Freude entrang es sich der Brust Oscar's: „Alida, Du meineCousine!" rief er, „o, nun ist ja alles gut, alles! und doch, nein", fügte er hinzu, dieHände zurückziehend, die er dem jungen Mädchen entgegengestreckt hatte, wie zu innigemUmfangen, „als Du Solmitz verließest, um Herrn von Alten's Weisung zu folgen, dawarst Du ja nichts als Alida Barfeld, die mir Treue geschworen und sie brach — daskann ich nimmer vergessen."
„Du hast gezweifelt, ob ich schuldig, Oscar", sagte das junge Mädchen sanft undernst, „ich segne Dich dafür. Ja, Oscar, ich bin unschuldig an dem, was man mirvorwirft, meine verletzte Würde gebietet mir, es Dir zu sagen. Als der zuckend- Blitz-strahl Deine Linde traf, in jenem Augenblick, da Deine Mutter durch ein unbedachtesWort das Schicksal beschwor, hielt ich den Zufall für Deines Todes Zeichen; wie vonGrauen ergriffen, trieb es mich von hinnen, den Stätten zu, wo ich Dich gefallen wähnte,wo ich vielleicht hoffen durfte, des Verwundeten Pflege zu übernehmen, wenn Gott gnädigdas Aeußerste verhindern wollte. Paul Halsen, Du treuer Zeuge, rede Du und gib derWahrheit die Ehre."
Nun erst bemerkte Oscar die Anwesenheit seines Kriegskameraden. „Paul!" riefer, ihm die Hand drückend, „mein lieber Paul, sei tausendmal willkommen."
Herzlich erwiderte der Müllerssohn die Begrüßung seines jungen Herrn, dann abersagte er mit lauter, feierlicher Stimme: „Danken Sie Gott, Herr Oscar, daß er zudieser Stunde meinen Schritt hierher gelenkt, seine Allmacht wühlte mich schlichten, ein-fältigen Menschen, Zeugniß abzulegen und zu erklären, wo Hochgebildete von Irrthumbefangen sind. Ich traf das Fräulein in Pont ä Mousson, nach Ihnen forschend, HerrOscar, und da ich ihr die Kunde geben mußte, daß Sie gefallen auf dem Felde derEhre, da weihte sie sich, wie ich vernahm, der Pflege eines Typhuskranken mit kindlicherSorge. Nach seinem Tode aber ward sie der hülfreiche Engel schwer Verwundeter undbis in die Räume meines Lazareths zu Berlin drang der Ruf ihrer Opferfreudigkeit."