„Alida, Theure!" rief Oscar, zu des jungen Mädchens Füßen sinkend, währendFanny von Ebersdorf die Weinende eng umschlang; „kannst Du mir vergeben?"
Unter Thränen lächelte das junge Mädchen. „Ich will es unter einer Bedingung»Oscar", sagte sie sanft. „Als ich in dem Typhuskranken zu Pont ü Mousson meinenVater kennen lernte, als ich ihn einsenkte in fremde Erde, stand es fest in mir, meinDasein den Trostbedürftigen zu weihen. Ich glaubte Dich todt und wollte einen Theildes mir zugefallenen Vermögens milden Zwecken opfern, das Uebrige sollte der MutterOscar's von Solmitz zum standesgemäßen Unterhalt dienen. Nun aber kam es durchGottes Fügung anders; gönne mir das Glück, durch Entsagung der Ansprüche als ErbinLeopold's von Bernau zum Gedeihen des Hauses Solmitz, dem ich ja nun auch angehöre,beizutragen; laß mich dagegen unter dem Dache dieses Hauses ein gastliches Asyl finden,in dem ich mich Deines Glückes freuen und Deine Kinder segnen darf, wenn ich aufkurze Weile rasten möchte von meinem Wirken. Willst Du mir diese Bitte erfüllen?"
„Alida, als Schwester wollen wir Dich liebend umfangen", rief Oscar feurig;„Dein soll sein was wir besitzen; bleibe bei uns, verlaß uns nicht, Alida."
„Bleibe bei uns, Schwester!" sagte auch Fanny leise, „Edle, Großmüthige, bleibals unseres Hauses Segen."
Alida schüttelte das Haupt. „Laßt mich ziehen, ich kehre wieder ich verspreche «SEuch. Noch heute will ich scheiden, zu voll ist mein Herz, der Einsamkeit bedarf ich, derRuhe." —
Sanft machte sich das junge Mädchen aus den Armen Fanny's los und wandtesich zum Gehen, aber noch einmal hielt sie Oscars Hand zurück.
„Alida, noch eine Frage, eine entscheidende; wußte meine Mutter, die, um uns zutrennen, sich zu einer Intrigue verleiten ließ, wußte meine Mutter schon früher um desBlutes Bande, die uns vereinten? Die Wahrheit sage mir, Alida, Wahrheit, die stetsdie Richtschnur Deines Handelns war."
Alida antwortete nicht; so sehr die neue Intrigue ihrer Tante ihre Seele empörthatte, vermochte sie es doch nicht über sich zu gewinnen, dem Sohne gegenüber die eigeneMutter anzuklagen.
Aber die Antwort blieb ihr erspart.
„Frage sie selber, Oscar", sagte sie, in die Ferne deutend, dort kommt sie selber."
In der That erschien auf dem Gartenwege die hohe Gestalt Herminen's von Solmitz,aber ihre Haltung war schwankend und gebeugt, ihr Antlitz bleich und leidend.
Hastig ergriff Oscar die Hand Aliden's und eilte, trotz des Widerstrebens desjungen Mädchens, der Kommenden entgegen.
„Mutter, Mutter!" sagte er vorwurfsvoll, „vermagst Du's, der Tochter DeinesBruders frei in's Auge zu schauen?"
Zu Boden senkte sich der Blick Frau Herminen's, von Thränen getrübt» Thränen,die keine Verstellung erpreßten. „Verzeiht, verzeiht", sagte sie leise, „ich werde büßenhier und droben."
„Nicht so!" rief Alida; „gnädig ist Gott , der alles zum Guten lenkt, und mitseinem himmlischen Strahl Licht in Finsterniß gegossen — sollten wir grollen und zürnen,ob Menschenirrthums hienieden? Vergebung — heiß« unsere Devise, Vergessen!"
Das Erscheinen des alten, im Hause Solmitz ergrauten Dieners verhinderte dasweitere Gespräch, seine Hand hielt ein Schreiben, das er Oscar überreichte.
„Dieser traf soeben mit der Weisung eigenhändiger Abgabe im Schlosse ein", sagteer, „und da man mir mittheilte, der junge gnädige Herr sei im Garten, wollte ich nichtzögern -"
„Von meinem Freunde", rief Oscar, ihn unterbrechend und den Brief seiner Handentnehmend; „wahrlich er kommt zur gesegneten Stunde."
In höchster Erregung brachen die Finger des jungen Mannes das Siegel undsem Auge durchflog den Inhalt des Schreibens.