188
„Alida", rief er dann, und oer Ausdruck hohen Glückes spiegelte sich in seinen
Zügen, „dieser Brief bestätigt Alles; eine edle, würdige Dame ist Frau von Marselly,
die Wittwe eines französischen Edelmann's, die Schwester Edmund's von Alten. Sieweiß, das; Du ihres Bruders Hand ausgeschlagen, dessen letzter Gedanke nächst Gott anDich gerichtet war; allein in der Welt, kinderlos, des Bruders beraubt und leidend,sehnt sie sich nach einer Tochter, einer Stütze bei ihren Werken der Mildthätigkeit, dieihren Namen zu einem gesegneten machen weit und breit. Sehnend streckt sie dem.Mädchen die Arme entgegen, das der letzte Gedanke des Bruders war, mit ihr von ihmzu reden, durch gute Werke sein Gedächtniß zu ehren."
Hell erglänzte Aliden's Antlitz. „Sie soll mich nicht vergebens rufen", sagte sie,„Thränen zu trocknen und Leid zu stillen gibt es ja überall, und so weit Gottes Himmel
reicht, beut sich ja stets Gelegenheit, die Mstsion zu erfüllen, der ich mich geweiht. Und
wenn ich einmal zu Euch komme, mich Eures Glückes zu freuen, Ihr Lieben, dann laßtuns so treu, so eng verbunden finden wie heute, ohne Falsch und Hehl, glaubend, ver-trauend Einer dem Andern."
„Wir geloben es", rief Oscar, „und auch der treue Paul soll diesem Kreise nichtfern stehen, ein lieber Freund soll er unserem Hause bleiben."
„Er verdient es", sagte Alida tief bewegt, „denn auch ich verdanke ihm mehr, alsIhr ahnen mögt; später vielleicht, in einer Stunde des Vertrauens, wenn die bewegteSeele ruhiger geworden, vermag ich Euch zu enthüllen, von welchem Abgrund mich dieHand dieses Braven gezogen. Nun aber lebt wohl, Ihr Lieben, lebt wohl bis auf einschönes Wiedersehen. Gute Werke und Dankesthrünen durch uns Getrösteter, sie seiendas Band, das uns verbinde, und wollt Ihr meiner in Liebe gedenken, so haltet dasGrab meiner Mutter in Ehren, das Grab Ella's von Bernau."
Sie reichte Allen die Hand, dann wandte sie sich zum Gehen. Hell umfloß dasSonnenlicht die zarte, schlanke Gestalt der Scheidenden, bis sie im Dunkel der Tannendes Parkes verschwand.
In tiefer, stummer Rührung blickten Alle ihr nach, erst nach langer Pause tratOscar an seine Mutter heran.
„Vergebung, Frieden war ihre Forderung; wir wollen sie erfüllen", sagte er. Ver-bannt sei jedes störende Element aus unseres Hauses Bund, verbannt Alles, was unsan Zeit.n der Schuld und des Irrthumes mahnt I Darf ich den Mann gehen heißen,von den; mir ahnt, daß er Deines Handels Triebfeder gewesen? Wohlstand hat sichStreland bei uns erworben, wir wollen nicht forschen, auf welche Weise er zu ihm gelangter wird keinen Mangel leiden."
„Du bist Herr von Solmitz, Oscar, jetzt und künftighin", entgegnete Frau Herminefast demüthig. „Thue, was Dein Gefühl Dir gebietet. Mir aber vergönne als Sühnedes Geschehenen die marmorne Tafel, die den Namen der Gattin meines Bruders trägt,auf das Grab der Mutter Aliden's zu legen und es zu schmücken mit dem ersten Kranz,ein Zeichen des Gedenkens, ein Zeichen der Neue."
„O Mutter, wie glücklich machst Du uns", rief Oscar, Thränen im Auge. „Ja,so handle, unter dem Eindruck dieses Gefühls zeige Dich uns fortan und am Grabe derMutter unserer Alida, das Deine Hand zu Ehren gebracht, da wollen wir uns wieder-finden, dort, an geheiligter Stätte im Angesicht verklärter Geschiedenen, die auf unsHerabblicken, versöhnt und befriedigt, — dort sollst Du Deine Kinder segnen und mildeLüfte mögen unsere Wünsche, unsere Grüße hinübertragen zur Ferne, zu unserer Freundin,unserer Schwester — — zu Alidenl"