Ausgabe 
(24.3.1883) 24
 
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Was die Schwalbe fingt.

Ein Öfter- und Frühlingsliedvon Klarn Reichner.

Sie ist unsere Freundin, die kleine Schwalbe, gerade sie! Wann sie kommt, so istes Frühling, wenn sie geht, erwartet uns der Herbst, und wo sie hinbaut, da soll Glückund Frieden wohnen. Hoch geht ihr Flug und weit über.Alles fliegt sie hin, undüberall kann sie hincinschau'n; wer ihr Lied verstehen könnte, Vieles würde er vernehmen,das ihm wohl und weh thut: was die Schwalbe singt.

Ihr erstes Lied.

Herbst war es geworden, kalter, feuchter Herbst. Der Sonnenstrahl, der auf denBlättern tanzte, war so schwach und müde, das Laub nicht mehr so grün und dicht,weiße Sommcrsäden zogen durch die rauhe Luft. Sie mußten fort, die Schwalben, fort; weit, weit fort.

In der alten Reichsstadt steht ein altes Haus. Das hat schon Jahrhunderte dieGlieder derselben Familie beherbergt, das heißt, nicht dieselben, denn Eines um dasAndere hatte man hinausgetragen auf den stillen Gottesacker in die steinerne Familien-gruft. Da ruhen sie in Friede». Aber den Todten folgten die Lebendigen in dem altenHause der alten, stillen Gasse.

Unter den. Dache des alten Hauses hatte ein Schwalbenpaar sein Nest gebaut;wie lange schon, das wußte Niemand. Das Nest gehörte so zum Hause, wie ein Steindort zu den, andern, und ebenso gut, wie die Menschen drinnen wechselten und doch zugleicher Familie zählten, geradeso war's mit den Schwalben. In den Frühling kamensie, und wenn es Herbst ward zogen sie von bannen, wie es in ihrer Art lag, und nunwar's wieder Herbst geworden.

An einem Fenster von dein alten Hause, wo sie nisteten, stand ein kleiner, wilderKnabe. Er hatte gar oft zugesehen, wie sie Halm um Halm hintrugen, wie sie fleißigihre Jungen fütterten, und sie dann einübten für die lange, weite Reise nach den warmenLändern.

Ob es wohl schön dort wäre? hatte der Knaoe sie gefragt, aber diö Schwalbenhatten ihm darauf nicht Antwort geben können, denn sie verstanden seine Sprache nicht.^Quiwit, guiwit!" zwitscherten sie; es klang fast so, als riefen sie:Komm mit,komm mit!" und das hätte er auch für sein Leben gern gethan, der kleine, wilde Knabe,wenn nur seine Eltern es erlaubt hätten. Er mußte aber daheim bleiben und fein bravsein, und recht Vieles lernen, und die Schwalben zogen fort.

Adieu!" sagte der kleine Knabe.Ich weiß wohl, daß Ihr nach den fernen,warmen Ländern zieht weit, weit fort. Da muß es lustig sein; könnte ich nur mit!Aber ich weiß auch, daß Ihr wiederkommt, und dann wird es Frühling sein. Bringtmir nur was Schönes mit!"

Wäre er nicht ein unverständiger kleiner Knabe gewesen, so hätte er gewußt, daßdie Schwalben ja das Allerscbönste, den Frühling selber, mit sich bringen; aber die großenLeute sind auch nicht immer viel geschcidterl

Doch nun wurde es lange noch nicht Frühling, sehr lange nicht! Denn nach demHerbst, als alle Blätter von den Bäumen fielen, und die nicht fielen von dein Windverjagt und weggetrieben wurden, da kam erst der Winter in seiner starren, eiskaltenMajestät dahergesaust auf seinem glänzenden Eiswagen, gerade wie ein echter, stolzerKönig, der nach rechts und links grüßt, und jedesmal, wenn er grüßte, flogen die weißenFlocken wie ein Bienenschwarm umher, und das hatte eigentlich Niemand recht gern, soschön es auch aussah. Endlich aber wurde der alte König Winter matt und schwach,sein Regiment war nun zu Ende, ein Jeder konnte es fühlen und merken; nicht mehr soeisig kalt blies sein Odem, nicht mehr so schwarz stand der Wald, nicht mehr so weiß undso erstarrt lag jetzt die Erde ausgebreitet, nicht mehr so still war's in der Luft: ja, KönigWinter's Kraft sie war gebrochen, er mußte scheiden bald, und ein leises Regen und