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Keimen der Natur verkündete als Herold des jungen Herrschers Ankunft, der jetzt erstnoch ein Prinz war, bald aber König werden sollte; der junge Frühling, der eigentlicheKönig des ganzen langen Jahres. Und dann kam der Tag, an dem sich grüne, leichteSchleier über die, ganze Erde webten, zum Empfang des neuen Herrschers; wie Teppiche,durchsichtige, breiteten sie sich aus, um ihm den Weg zu schmücken — er sollte doch nichtsehen, wie arg der Winter überall gehaust, wie kahl und trostlos Alles war.
„Quiwit» quiwit!" erscholl's auch eines Tages durch die Luft. Die Schwalbenwaren wieder da, und nun wußte man gewiß, daß der Frühling nahe; — sie hattenihn ja mitgebracht, fern aus den warmen Ländern! Warm schien die Sonne auf dieErde — da schmolz der letzte Herrscherschein des Winters — weg war er, wie ver-schwunden! Und Niemand weinte ihm zum Abschied eine Sehnsuchtsthräne nach — Allesjubelte dem jungen Könige entgegen, der soeben Einzug hielt, Keiner dachte mehr daran,daß der todte Winter doch auch wohl manche Freude und Wohlthat spendete: „Der Königist todt — es lebe der König!" So sind die Menschen!
Und der junge König Frühling grüßte huldvoll hin nach allen Seiten, gar nichtstolz und majestetisch, und so oft er grüßte flogen zarte Flocken, leicht und weiß wieSchnee, hin durch die Luft, hin an die Bäume. Dort blieben sie als Blüthen hängen,und wenn er lächelte, wurden sie ganz rosig angehaucht vor Freude, und wo der Früh-ling hinblickte und Hinschritt, da grünte es hervor, da wachten alle Knospen auf undwurden Blätter, streckten weiße Anemonen und blaue Veilchen die Köpfe hoch, und lächeltenwie fromme Kinderaugen auf zum blauen Himmel.
Und mit den Blumenaugen um die Wette lachten die der Kinder! Ja, sie warenhoch am Frohsten und jubelten am Lautesten! — Auch der kleine Knabe in dein altenHaus der Reichsstadt durfte nun wieder hinaus; drinnen im Hause wurde er gar strenggehalten, und das thut nicht immer gut. Sowie er draußen war, trieb er's dann umso ärger.
„Quiwit, quiwit!" erklang es durch die blaue Luft. Die Schwalbenfamilie obenunter dem Dach des alten Hauses war auch zurückgekehrt und bezog das heimathlicheNest. -
„Hurrah! Da seid Ihr ja nun endlich wieder!" rief gleich der kleine, wilde Knabe.„Habt Ihr mir was Schönes mitgebracht?"
Er meinte immer noch, das Schöne müßte etwas recht Fernes, Fremdes sein, derkleine Knabe.
Aber sie antworteten ihm Nichts, die Schwalben, als nur ihr frohes Frühlings-Gezwitscher, ihr zufriedenes, das er nicht verstand, und schwangen sich jubelnd durch dieLuft, hoch hinauf zum blauen, klaren Himmel. Nein, er verstand sie nicht, und das kamdaher, weil er nur ein kleiner Knabe war — deshalb verstand er nicht: was die Schwalbesang! —
Ihr zweites Lied.
„An Maria Geburt
Zieh'» die Schwalben wieder fürt."
sagt ein alter Spruch, und so geschieht's auch Jahr für Jahr, wenn auch nicht alle Malam Tage selbst, und:
„An Maria VerkündigungKommen die Schwalben wiederum."
sagt em anderer, der nicht minder wahr ist, ob auch Zeiten und Menschen vergehen. —
Zuweilen aber hat der alte Winter seine Launen — er will nicht scheiden — eswird ihm schwer vom Regiment zu lassen, bis er endlich doch weichen muß, so sehr ersich auch sträubt. Frühling wird's ja jedes Jahr, und die Schwalben kehren jedes Jahrin ihre alten Nester. —
Auch die Schwalbenfamilie des alten Hauses in der Reichsstadt kam alljährlichwieder, oder wenigstens Nachkömmlinge von derselben^ denn es sind schon viele Jahre