Ausgabe 
(24.3.1883) 24
 
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h«, seit damals jener kleine, wilde Knabe am Fenster stand und nach den Schwalbenschaute, viele, lange Jahre.

Wo war er geblieben?

Quiwit, quiwit!" zwitscherten die Schwalben. Aber es verstand sie Niemand.Fort ist er fort!" sagten sie vielleicht.

Ja, er war wirklich fort! Der kleine Knabe war zum Jüngling worden, und inder alten Reichsstadt war er auch nicht mehr; die war ihm lange viel zu eng geworden hinaus in die weite, weite Welt war er gezogen, wie einen Zugvogel hatte es auchihn hinansgetrieben in die blaue Ferne, die ihm im Sonnenglanz entgegenlachte, indie Fremde! Vielleicht auch wollte er das Land aufsuchen, wohin die leichtbeschwingtenSchwalben ihren Flug lenken, wenn sie die traute Heimath verlassen müssen! Niemandfast mehr spricht von ihm, die Eltern zürnen, die Freunde haben sein vergessen, Keinerdenkt an ihn er ist so wie gestorben; nur im Mutterherzen lebt er, ein Mutterherzkann nicht so leicht vergessen, wenn es noch so tief verwundet wird. Ja, dort lebt er!

Ostern ist's und Maria Verkündigung zugleich, aber die Schwalben sind noch nichtgekommen, noch nicht einmal die Vorboten. Es war noch gar zu früh im Jahr, obschonder Frühlingsanfang, der im Kalender stand, vorüber. Doch danach fragt so eine kleineSchwalbe nicht die hat ihren ganz eigenen Kalender, ganz für sich, und das ist der,den der Frühling selber macht, und zu welchem jede Knospe, jede Blüthe und jedeskleinste Blättchen einen Beitrag liefern ninß.

Die Osterglocken läuteten durch die festtägliche, stille Stadt. Mit Feierkleidernangethan zogen die Menschen ihnen nach hin in das Gotteshaus, wohin die Klängeriefen, das Auferstehungsfest zu feiern, und für die Erlösung Dank zu sagen, die wieFrühlingswehen die Menschheit überkam. Fast alle Menschen spürten einen solchenFrühlingshauch, ob sie es gleich nicht immer wußten. Aber wie die Glocken so festlichläuteten und die Erde so frühlingsfrisch und hoffend vor ihnen lag, da fühlten sie denAuferstehungssegen, und das Herz ging ihnen auf, so weit und warm. FrühlingOstern war's!

Da kam ein Mann die Straße entlang, in der das alte Haus stand. Es standnoch gerade da wie sonst, eben noch so alt, so grau und so verwittert; auch das Schwalben-Nrst war noch da droben an dem Dache, aber keine Schwalbe ließ ihr frohes Jubelliedals Glücksverkündigung ertönen.

Der Mann sah müde aus, doch nicht allein vom Weg. Bei dem alten Haus blieber stehen und sah hinauf lange, starr. Ach, er kannte es so gut; unvergessen hat esin seinem Innern dagestanden, genau so grau und so verwittert, wie es jetzt vor ihmsteht. Dort hatte einst des Kindes Wiege sich geschaukelt, dort war der kleine Knabeaufgewachsen, der dann ein trotziger, rastloser Jüngling wurde, den es Hinaustrieb, weithinaus, bis er ein müder, ernster Blau» geworden war.

Niemand kannte ihn hier mehr nein, Niemand! Keine freundliche Stimme hießihn willkommen, den endlich Heimgekehrten, keine Hand streckte sich zum Gruße ihmentgegen. Er kam sich selber fremd vor so fremd. Alles, was er anblickte, thatihm weh, sogar die helle Sonne, die doch so warm und golden schien. Sie blendeteund stach ihn so, daß er mit. den Augen blintzeln mußte, als wäre ihm etwas hinein-geflogen wie lange war das Auge sonst so trocken, so starr gewesen, als wäre einEissplitter des Winters darin stecken geblieben, den nun die heimathliche Frühlingssonnefortgethaut.

Und die Osterglocken läuteten vom Dome fort und fort. Da war er oft gewesenin dem Tome, wie er noch ein wilder Knabe war. Dann hatte es ihn Hinausgetriebenin's Leben weit hinaus. Wie schien die Welt so reich und weit, so groß und schön!Das Leben hatte ihn betrogen um den Preis, den er dafür gezahlt die Blüthen allewaren welk zu Boden gesunken, wie vom Frost geknickt, das Gold war unecht, Flitter-tand gewesen, Schaumgold nur. Und nun war er ein Fremder in der Heimath